Ganz unten

Was das Fußballspielen angeht, darf man mich wohl als Spätberufenen bezeichnen. Während andere Kinder schon in der Minikickerbambinipampersliga vor den Ball traten, war das alles für mich noch überhaupt kein Thema. In der Rückschau änderte sich das erst ein bisschen in der Zeit zwischen der EM ’92 und der WM ’94, wobei die Nationalelf an dieser Entwicklung wenig Beteiligung gehabt haben dürfte. Vermutlich waren es eher die Blauweißen, die das Interesse weckten.

Der Schritt, dem örtlichen Fußballverein beizutreten, blieb dennoch aus. Mein Bruder und ich spielten Tischtennis, durchaus ein paar Jahre lang. Fußball gab es lediglich auf dem Bolzplatz oder gelegentlich im Schulsport, wenn mal ausnahmsweise keine grässlichen Dinge wie Turnen, Leichtathletik oder Volleyball auf dem Plan standen. Als wir allerdings beim Tischtennistraining dazu übergingen, zum Aufwärmen(!) Fußball zu spielen, war das Ende dieser Freizeitbeschäftigung so gut wie besiegelt. Ziemlich schnell zeichnete sich ab, dass viele Kinder in erster Linie zu den Trainingseinheiten kamen, weil eben vorher möglichst ausgedehnt Fußball gespielt wurde. Da würde ich mich auch gar nicht ausnehmen. Also konnte man das mit dem Tischtennis auch gleich sein lassen. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, nie sonderlich gut an der Platte gewesen zu sein. Viel mehr fiel ich wohl dadurch auf, unheimlich schlecht verlieren zu können. Ein Umstand, der sich interessanterweise bis heute ziemlich gewandelt hat.

Als es mit dem Tischtennis dann zu Ende ging, stand, anders als man es jetzt erwarten könnte, kein Wechsel zum Fußball an. Nein, Handball wurde ausprobiert. Ein riesiges Missverständnis, wohl beiderseits. Da war ich so um die 13 Jahre alt und die Karriere als Vereinssportler konnte getrost als beendet angesehen werden.

Eine kleine Ewigkeit später spiele ich nun in einer Altherren-Mannschaft Fußball. Betriebssport, nichts besonderes. Nur Spiele, kein Training. Der Schichtdienst vieler Mitspieler ließe sowas auch gar nicht ordentlich zu. Angefangen hat die Betriebssportsache, indem ich in der neugegründeten Kleinfeld-Truppe ausgeholfen habe, aus der dann eine reguläre 1. Mannschaft hervorging.  Als diese nach zwei eher weniger erfolgreichen Saisons aufgelöst wurde, blieben nur die Optionen aufzuhören oder zu den Alten wechseln. Da die Lust zum Kicken durchaus noch vorhanden war und die Mannschaft nicht gerade unsympathisch erschien, war die Wahl klar.

In meinen Endzwanzigern habe ich also zum ersten Mal wirklich in einer Art Verein Fußball gespielt. Zum ersten Mal in Elferbesetzung, zum ersten Mal auf dem großen Feld. Manch einer kann sich vielleicht vorstellen, wie schwierig es ist, sich dort zurechtzufinden, wenn man sonst nur kleine Bolzplatzkäfige oder Hallenplätze gewohnt ist. Taktik, Positionstreue, Verschieben, Gegenspieler im Auge haben, dies, das. Man bekommt irgendwie nicht so häufig den Ball. Sehr seltsam, das alles.

Zu Beginn wurde ich meist als ein Teil einer Doppelsechs aufgestellt. Das kam mir zwar komisch vor, hört man doch immer wieder, wie wichtig diese Position im Fußball sei, aber über einen Platz in der Startelf beschwert man sich ja nicht. Überraschenderweise funktionierte das immer ganz gut, wenn mein Kumpel M. auf der Sechs neben mir spielte. Der erledigte seine Aufgaben nämlich nicht nur meist bravourös, sondern hatte auch immer noch genügend Zeit, mich mit hilfreichen Anweisungen zu versorgen. Dass ich von alldem nämlich nur theoretisch Ahnung habe, wusste er offenbar ganz genau.

Wenn M. nicht da war, hab’ ich natürlich eher schlecht ausgesehen. Mein Nebenpart auf der Sechs hatte dann entweder selbst keinen Plan, oder hat diese Aufgabe dermaßen offensiv interpretiert, dass ich mich quasi im Regen stehend wiederfand. Keine angenehme Situation. Auch schön für einen Neuling wie mich, waren Positionswechsel während des Spiels. Plötzlich stellt der Trainer um und man findet sich in der Verteidigung in einer Dreierkette wieder. Dort weiß man dann gar nicht, wo man zu stehen und was man zu tun hat, außer eben die Stürmer unauffällig zu treten und Bälle wegzubolzen. Bei Joel Matip sieht der Job irgendwie eleganter aus.

Nach dem Wechsel zu den Alten Herren fand ich mich dann in der Regel im rechten oder linken Mittelfeld wieder. Fragte man mich, ich machte kein Geheimnis daraus, dass ich mich dort auch am wohlsten fühle. Auf der Außenbahn hat man potenziell weniger Gegenspieler als in der Zentrale und zudem wiegt ein Fehler dort im Normalfall nicht so schwer, wie er es tut, wenn man ihn in der Defensive oder gar als letzter Mann begeht. Außerdem bilde ich mir ein, noch über eine gewisse Grundschnelligkeit zu verfügen, die natürlich am Spielfeldrand besser zur Geltung kommen kann.

Für das Pokalspiel gegen einen klassenhöheren Gegner, das kürzlich anstand, hatte sich der Trainer allerdings etwas ganz anderes überlegt. Bei der Bekanntgabe der Aufstellung fand ich mich als rechter Außenverteidiger in einer Viererkette wieder. Viererkette? Noch nie gespielt, aber Lamentieren hilft ja nicht. Vor dem Anpfiff kam J., der rechte Mittelfeldspieler, zu mir und bat mich, möglichst meine Position auf der Seite zu halten. Erst kürzlich habe ein anderer  Außenverteidiger sich immer vom Gegner ins Zentrum ziehen lassen und die Flanke entblößt. Ich nickte. Was sollte ich auch sonst tun, als auf die erfahrenen Spieler zu hören. Vor allem in so einem Spiel.

Das Wetter und die Platzverhältnisse an diesem Tag ließen sich am leichtesten folgendermaßen beschreiben: Schon nach dem Aufwärmprogramm hätte problemlos ein Goldfisch in meinen Schuhen wohnen können und selbst hart gespielte hohe Bälle blieben einfach liegen, sobald sie Kontakt mit dem Platz aufgenommen hatten.

Im Spiel sah ich mich dann plötzlich im Spannungsfeld zwischen J., dem Mann auf der rechten Seite, und B., dem Abwehrchef im Zentrum wieder. B. wollte seine Viererkette möglichst kompakt halten und wies mich immer wieder an, ins Zentrum nachzurücken, wenn das Spiel sich verschob. J. hingegen bedeutete mir immer wieder, meine Position auf außen zu halten, um ihm mehr Freiheiten im Spiel nach vorne zu gewähren. Als Neuling im Team habe ich natürlich versucht, es beiden recht zu machen. Im Endeffekt hatten ja auch beide Forderungen irgendwo ihre Berechtigungen, was wohl allerdings eher einem gesamttaktischen Problem geschuldet war. Das komplette Spiel über war ich also damit beschäftigt, von rechts in die Mitte und zurück zu hetzen, um irgendwelche vermeintlichen Lücken zu schließen. Wahrscheinlich habe ich so öfter falsch, denn richtig gestanden, was aber ohne wirkliche Konsequenzen in Form von Gegentreffern über meine Seite blieb.

Nun ist es bei unserer Mannschaft wie oben schon angedeutet so, dass wir uns nie zum Training treffen, allenfalls mal zum gemeinsamen Hallenkick. Folglich ist also jeder selbst noch mehr für seine Kondition verantwortlich, als es in regulären Vereinsmannschaften der Fall ist. Kraft- und Luftdefizite sind bei dem ein oder anderen zum Ende des Spiels also quasi vorprogrammiert. Dann wird es konfus.

Mit 2:1 lagen wir in der Nachspielzeit der zweiten Hälfte vorne — waren also schon mit einem Bein im Pokalviertelfinale — als unser Gegner sich noch einmal einen Eckball erarbeitete. Die Abwehr befand sich zwar weitestgehend auf dem Posten, unsere Offensivabteilung sah sich aber offenbar nicht mehr im Stande, den weiten Weg Richtung eigenem Sechzehner anzutreten. Alles Geschrei half nichts. Ob wir jetzt dadurch in eine Unterzahlsituation geraten waren, weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht war es auch ausgeglichen, aber darauf kam es auch nicht an. Wir wurden überrumpelt, der Ball zappelte im Netz, buchstäblich in der letzten Sekunde. Verlängerung. Und eigentlich konnte ich keinen Meter mehr laufen.

Mein rechter Schuh hatte sich völlig durchnässt inzwischen teilweise seiner Sohle entledigt und mir schwirrten Wörter wie Momentum durch den Kopf. Wir hatten die doch am Rande der Niederlage.

In der Verlängerung tat sich dann Erstaunliches. Ich bekam zwar noch immer schwer miteinander zu vereinbarende Anweisungen, war allerdings nicht mehr in der Lage, irgendeiner davon Folge zu leisten. Dafür drehte unsere Angriff nun kräftig auf. Offenbar war ihnen bewusst, was da kurz vor Schluss den Ausschlag gegeben hatte. Zwei kurz aufeinanderfolgende Buden brachten uns wieder in Front. Unsere Gegner, die ebenso wie wir ihr Wechselkontingent erschöpft hatten, mussten nach unseren Torerfolgen erschöpfungs-/verletzungsbedingt gleich auf zwei Spieler verzichten, was am Ende unseren Sieg sicherte.

Sensation! Regenschlacht! Viertelfinale! Glaubt man den Legenden, hat es das bei uns noch nie gegeben. Nach dem erlösenden Schlusspfiff schleppte ich mich klatschnass in die viel zu kleine Kabine und suchte mir eine Ecke. Es war beinahe gespenstisch still. Aus dem TV kennt man ausgelassene Kabinenparties nach solchen Erfolgen. Hier war jeder mit sich selbst und seiner körperlichen Verfassung beschäftigt. Nicht mal eine einzelne Flasche Bier habe ich gesehen.

So ist das wohl, wenn man wirklich ganz unten spielt.

TumblrEmailPrintTeilen

8 Comments

Filed under Blog

8 Responses to Ganz unten

  1. Ganz stark.
    Also der Beitrag, das Spiel wohl eher weniger,wie du ja selbst beschreibst.
    Wie ist denn das Viertelfinale ausgegangen,oder steht das noch an?

    • Phil

      Danke sehr! Das Viertelfinale sollte eigentlich jetzt am Samstag anstehen, so weit ich weiß. Nun wurde es aber auch unbekannten Gründen in den Oktober verschoben.

  2. Sehr nett. Danke.

    Und das hier stimmt ja leider auch: ” Man bekommt irgendwie nicht so häufig den Ball.”

  3. So stellt man sich das vor:)

    Aber der Vorteil eines verspäteten Karrierestarts: Du hast noch weniger Verschleißerscheinungen und kannst noch mal richtig angreifen. Die ganzen Jungprofis machen sich ja schon seit 15 Jahren die Knie kaputt. Und älter als Eto’o bist Du doch auch nicht…

  4. Klasse geschrieben!
    Du kannst ja immer noch auf Tischtennis zurückwechseln :-)

    • Phil

      Naja, eher nicht. Wie gesagt war ich darin ja auch nie sonderlich gut und richtiger Teamsport gefällt mir schon besser. :-)

  5. Klasse geschriebene Geschichte! Musste mehrfach schmunzeln und habe mich auch das ein oder andere Mal selbst wieder gefunden.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.