“Besonders Göte ist untröstlich und beschimpft Jenna minutenlang, nur weil der, wie Christian Wörns, aus Scheiß-Mannheim kommt.“
Tja. 1998, WM in Frankreich. Da können wir alle ein Lied von singen. Aus deutscher Sicht war das ganz und gar eine Weltmeisterschaft zum Vergessen. Wo ich beim entscheidenden und letzten Spiel der Deutschen gewesen bin? Gute Frage. Dunkel erinnere ich mich, in diesem Sommer mit meinem Bruder und ein paar Schulfreunden in einem Jugend-Ferienlager gewesen zu sein. Ob ich das Spiel gegen Kroatien auch dort erlebte? Vielleicht.
Mark Scheppert weiß noch genau, wo er jenes Spiel erlebt hat: In einer venezuelanischen Spelunke. Aber es ist doch völlig uninteressant, wo ein Mensch, den ich nicht kenne, von dem ich nie gehört, irgendein schreckliches Spiel gesehen hat!, wirst du jetzt denken. Joar, stimmt. Und genau darum geht es auch nicht. Mark Schepperts Buchtitel 90 Minuten Südamerika lässt zwar unausweichlich an ein Fußballspiel denken, jedoch ist Fußball, wenn überhaupt, gerade mal das Grundgerüst, an dem sich die Erzählung entlang hangelt.
Im Vordergrund stehen die Erlebnisse und Begegnungen, die Scheppert auf seinen zahlreichen Reisen durch die verschiedenen Länder Südamerikas sammelt: Fremde Kulturen, Frauengeschichten, vielleicht ein paar Drogen und ein klitzekleiner, aber beinahe folgenschwerer Zusammenstoß mit dem Militär Venezuelas. Und Maná. Doch hintergründig geht es irgendwie immer um Fußball. Die Reisen nämlich, finden alle zeitgleich zu den großen Turnieren statt.
Ist Scheppert 1990, zu Beginn der Erzählung, noch ein DDR-Bürger mit großer Distanz zum DFB-Team, ändert sich das über die Jahre bis zum Turnier in Südafrika immer mehr. Folglich nehmen auch die Spiele der deutschen Nationalmannschaft mit der Zeit einen größeren Stellenwert ein, und man erfährt so einiges über südamerikanische Kneipenkultur und lokale TV-Sport-Gewohnheiten. Überhaupt kommen Alkoholeskapaden, allerlei Spelunken und die Freunde, mit denen die Zeit dort verbracht wird, nicht gerade zu kurz.
90 Minuten Südamerika ist kein Fußballbuch, es ist auch vermutlich kein Reiseroman. Es ist keine Coming-of-age und auch keine Coming-of-east-Story. Und doch ist es von allem ein bisschen. Wer sich für Fußball interessiert, aber aktuell vielleicht ein wenig an Reizüberflutung leidet, kann hier bedenkenlos zugreifen. Wer unbedingt wissen möchte, wann Deutschland endlich wieder Weltmeister wird, sollte es vielleicht sogar tun.


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