Vielleicht bin ich spießig

Feuerwerk, Raketen, Randale, Innenraumstürmung. Um diesen Dingen entgegen zu wirken, wird massive Polizeipräsenz genutzt. Ich weiß, auf Schalke ist es im Block nicht erwünscht, in Gladbach spricht wohl nichts dagegen, so hatte ich über 90 Minuten eine Horde Polizisten unmittelbar hinter mir stehen. Auch wenn man nichts im Schilde führt, angenehm fühlt sich sowas nicht an.

Nun sollte man nach den Geschehnissen der letzten Wochen davon ausgehen, dass gerade der DFB bestrebt sein muss, irgendwie Ruhe in den Sport hineinzubekommen. Schiedsrichteraffären, FIFA-Querelen, Rücktritt des Präsidenten, endloses Theater mit Fangruppierungen. Man kommt nicht zur Ruhe. Gerade vor zwei Tagen haben fehlgeleitete Anhänger des 1. FC Nürnberg nach Abpfiff das Spielfeld gestürmt. “Das sind keine Fans, das sind irgendwelche Krawallmacher!”, das sagt man schnell, und ich würde grundsätzlich Recht geben. Aber für beinahe jede (Re)Aktion gibt es einen Auslöser. In diesem Fall wird es vielleicht nur gekränkter Stolz ob einer Derbyniederlage gewesen sein. Natürlich ist das unendschuldbar.

Dass man als Auswärtsfan beleidigt wird, das kennt jeder, der als Schalker unter Norbert Dickel in Dortmund “zu Gast” gewesen ist. Das ist zwar im Grunde nicht schön, allerdings verkraften die meisten dieses Übel, weil sie wissen, wie sie mit diesen Derbygeschichten umzugehen haben. Nichtsdestotrotz kann man die direkte Beleidigung der Gäste nun wirklich nicht als Deeskalationsmaßnahme zählen.

Eine ganz große Fehlleistung auf diesem Gebiet zeigte gestern Abend der Mönchengladbacher Stadionsprecher. Nach dem 2:0 seiner Mannschaft lies er sich sinngemäß zu folgendem Satz hinreißen:

“Hallo Jermaine Jones, du kannst ihm auf den Fuß treten, wie du willst, er trifft trotzdem!”

Unfassbar. Mal abgesehen davon, dass die Bewertung von Spielszenen in der Hand des Schiedsrichters liegt, wird der DFB mit Sicherheit andere Vorstellungen von der Tätigkeit eines Stadionsprechers haben, um beruhigend auf das Drumherum zu wirken. Man muss sich schon fragen, warum ein Stadionsprecher sich derart in den Vordergrund drängt und einen einzelnen Spieler der Gastmannschaft derart an den Pranger zu stellen. Im Grunde hat er hat er hier auf eine Art und Weise in das Spiel eingegriffen, wie es ihm schlicht und ergreifend nicht zusteht. Man weist den Schiedsrichter ja auch nicht auf eine falsch gepfiffene Abseitssituation hin.

Vielleicht bin ich spießig. Vielleicht bin ich aus unserer Arena einfach Anderes gewohnt. Vielleicht ist ein solches Verhalten in anderen Stadien ja normal. Ich für meinen Teil stelle mir die Arbeit eines Stadionsprechers jedoch etwas weniger offensiv vor. Normalerweise sollten sowohl Verein als auch DFB eine Reaktion zeigen.

 

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17 Comments

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17 Responses to Vielleicht bin ich spießig

  1. Also das ist wirklich der Hammer. Im TV hat man (zumindest ich) das gar nicht mitbekommen. Ich denke da ist eine Stellungnahme von Borussia M’Gladbach fällig. Zumindest eine Entschuldigung an den Spieler zu richten.
    Allerdings glaube ich kaum das etwas derartiges eintreffen wird, da ja Jones bereits medial durch’s Dorf getrieben wird, weil der gute Reus sich dermaßen verletzt hat, dass er nur 2 Tore schießen konnte…

    Aber danke für die Aufklärung!

  2. Pingback: Opium für wen? « Auf Kohle geboren

  3. teamnullvier

    Danke für den Artikel!
    Ich war auch im Stadion und habe mich zu tiefst unwohl gefühlt. Leider saß ich im Oberrang in der Gladbacher Nordkurve (die Karte war ein Geschenk eines befreundeten Gladbach Fans der an dem Abend neben mir saß). Das war nicht schön. Und solche Sticheleien vom Stadionsprecher hetzt die LMeute nur noch auf.
    Schon beim Stadioneinlass wurde ich vom Kontrollpersonal aufgefordert meinen Schal abzunehmen und ihn in die Tasche zu stecken: “Hey, hier ist Nordkurve! Mehr sag ich nicht…”
    Naja, und dann noch die Bemerkung vom Stadionsprecher…
    Mir auch völlig unverständlich, warum die Fans der führenden Heimmannschaft ihre Euphorie zum Ende des Spiels in Schmähgesänge über die Gäste umwandeln anstatt ihre Mannschaft zu feiern.

    Das mit der Hundertschaft im Nacken kenne ich auch nur aus Mönchengladbach. Vor einigen Jahren hat Schalke dort 4:1 gewonnen (hach, waren das noch Zeiten, als wir in Klappdach noch gewinnen konnten) und ich saß in der vorletzen Reihe auf der Gegengrade in der Nähe des Schalker Fanblocks. Auch damals stand hinter uns noch eine stattliche Anzahl Cops.

    Danke Gladbach, du bist mir nicht sympathischer geworden.

  4. Der Don

    Mir kommen hier gleich die Tränen…

  5. schalker71

    Ich fordere schon mal für den übelsten Radau-Laberer eine Sperre von mindestens 6 Monaten wegen grober Unsportlichkeit! Sehr guter Artikel Phil!

  6. Letzte Saison waren wir (schalkefan_de, die Frauen und ich) in Hoffenheim. Dort saßen wir in der obersten Reihe. Der Gang dahinter scheint wohl der übliche Platz zu sein, von dem die EHu pflegt, sich das Spiel anzuschauen. Es war zwar alles friedlich, aber trotzdem ist es ein komisches Gefühl, wenn man im Stadion sitzt und die Polizei direkt hinter einem steht… da habe ich doch durchaus mal aufgepasst, mit welchen Kraftausdrücken ich meine Stadionemotionalität garniere…

    Solche Auswüchse von Stadionsprechern gehen gar nicht und sollten sanktioniert werden, ebenso wie die von Stadionsprechern, die bei einem vermeintlichen Derby vermeiden, den Namen des Gastvereins korrekt zu erwähnen….

  7. Ich würde gerne mal generell wissen, was ein Stadionsprecher darf und was nicht. Vor ein paar Jahren hieß es noch, der DFB erlaube während des Spiels nur die Nennung der Torschützen sowie der Ein- und Auswechslungen. Mittlerweile – Hertha machte da meines Wissens vor knapp zehn Jahren den Anfang – ist es in vielen Stadien der Liga üblich, dass der Stadionsprecher während des Spiels das Publikum anheizt. In etwa mit Sprüchen wie “Das war wieder eine supertolle Parade von unserer Nummer Eins, Manni DINGSBUMS!” oder – in Leverkusen ganz konkret schon häufiger gehört – “Woooow! Ein satter Schuss, leider knapp vorbei, da geht noch was bei Eren DERDIYOK!” Auch der Mainzer Stadionsprecher labert während der Partie ins Spiel rein und fordert die Fans auf “Auf geht’s Meenzer, jetzt geben wir nochmal ALLES!”.

    Was genau in Gladbach passiert ist, weiß ich natürlich nicht, da ich nicht da war. Aber Phils Beschreibung deckt sich mit dem, was ich auch anderswo gelsen habe. Das geht natürlich gar nicht. Die Frage aber ist, ob es vom DFB bzw. der DFL überhaupt eine vorgegebene Grenze für Stadionsprecher-Animation während des Spiels gibt und – falls ja – warum diese seit Jahren unsanktioniert überschritten wird.

  8. Quatscher 04

    Im Stadion bei dieser Durchsage dachte ich zuerst, mich trifft der Schlag !
    Nicht das wir bei uns alles richtig machen würden, aber das ging ganz sicher zu weit………………

    • Ich bin ein großer Fan von dir, da du immer alle mit Respekt behandelst! Ich hab diesen einen Pottcast mit dir gesehen. Und da fand ich es bemerkenswert, dass du dich immer bemühst jeden Namen richtig auszusprechen! Ich glaube andere geben sich da nicht so viel Mühe.

      Dirk: MACH WEITER SO!!!

  9. Der Don

    Finde auch, dass Borussia Mönchengladbach sich bei den Schalkefans entschuldigen sollte.
    Außerdem sollte sich Reuss auch noch bei Jones entschuldigen, dass er sich nicht schlimmer verletzt und einfach weitergespielt hat…

    • Phil

      Um das Jones – Vergehen wird sich offenbar gekümmert. Nicht nur, dass der DFB ermittelt, irgendwelche Jammerlappen haben auch noch Anzeige erstattet.
      Das Vorgehen des Stadionsprechers widerspricht den guten Sitten, und unter Umständen auch der Ablaufordnung eines Pokalspiels. Nur weil Jones wirklich ein Vergehen begangen hat, bedeutet das nicht, dass sich ein Stadionsprecher über geltende Regeln, und seien es nur die Regeln der Höflichkeit, hinwegsetzen darf.

  10. Ja, wahrlich ein Skandal! Da wird die grobe Unsportlichkeit des Jermaine Jones auch noch von einem Augenzeugen süffisant kommentiert, unfassbar!

    Ich hab ja schon ein paar Jahrzehnte Stadionerfahrung auf dem Puckel und kann daher sagen, das war früher noch viel extremer und niemand hat sich drüber aufgeregt.
    Für mich ist die Reaktion eher belustigend, aber ich bin auch nicht aus dem Achtelfinale rausgeflogen – vielleicht verliert man da die Lockerheit und den Humor. Immerhin hat der Stadionsprecher ja Recht behalten: Genutzt hat es nichts und Reus hat getroffen.

    • teamnullvier

      Früher, ja früher… da haben sich die Leute auch noch vor und im Stadion mehr aufs Maul gehauen. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind! Fest steht, dass solche “süffisanten” Kommentare die Stimmung ganz schön anheizen können. Und in Gladbach ist genau das eingetreten.
      Das gehört sich einfach nicht – genau wie das was Jermaine Jones gemacht hat!

  11. Der Don

    @Phil: Großartig! Ihr weint hier die ganze Zeit rum, weil der Stadionsprecher böse zu euch war und dann schreibst du, dass irgendwelche “Jammerlappen” Anzeige gegen Jones erstattet haben….;)
    Trotzdem frohe Weihnachten alle zusammen!

    • Phil

      Jammerlappen, weil eine Anzeige m.M.n. unnötig ist, wenn sich die DFB Sportsgerichtbarkeit schon mit dem Fall beschäftigt.

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