“Du bist doch auch schwul!?” – Aktion Libero

Eine ganz normale Nacht im Club. Zu lange schon wach, zu viel getrunken, zu viel, zu schlecht auf alle Indie-Hymnen dieser Welt getanzt. Lange kann es nicht dauern, dann geht das Licht an, dann werden wir sachte aber bestimmt gebeten doch endlich zu gehen. Noch nicht. Noch dröhnt die Musik.

Plötzlich steht ‘n Typ direkt vor mir. Boar, auf Stress hab’ ich jetzt aber kein Bock… Er sagt was, ich versteh’ ihn kaum. Musik zu laut. Irgendwas mit einer Freundin? Ich bin interessiert. Ich halte ihm mein Ohr mitten ins Gesicht, versteh’ hier ja sonst kein Wort…  “Mein Freund, der steht dahinten, der würde dich gern kennenlernen…” Hat der gerade FREUND gesagt? “Du bist doch auch schwul!?” Offensichtlich guck’ ich gerade recht entgeistert… Ich stotter’ irgendwas von “Ähem, nee” und “kein Interesse” und geh’ erstmal an den Tresen.

Die ganze Situation hat mich, das geb’ ich offen zu, im ersten Moment vollends irritiert. Im Zweiten auch noch. Kurz danach musste ich dann drüber lachen, also über die Situation. Ich will gar nicht wissen, was ich für ein dummes Gesicht gemacht hab’. Aber so ist es halt, sowas passiert, sowas ist völlig normal.

Ein Profifußballer würde sich vermutlich nun gezwungen sehen, in die Offensive zu gehen: Kronzeugen, Boulevard, offene Briefe, vielleicht sogar ein Buch? HETERO! Als ob etwas so Privates für den Sport von Belang wäre. Was für ein Blödsinn. Kein Mensch sollte sich verstecken müssen.

 

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul  ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig: Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

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3 Responses to “Du bist doch auch schwul!?” – Aktion Libero

  1. Ich hab die ganzen Tokyo Diaries auch nur geschrieben, damit niemand glaubt, ich wäre schwul. Ist ein hartes Leben als Star-Blogger!

  2. 1994, erste Tutoriumsparty, erstes Semester, viele neue Leute, auch die unerreichbare Wunderschöne (die ich heute – über viele, viele Umwege – wieder im Bekanntenkreis habe und die sich längst als unvermittelbarer Problemfall herausgestellt hat), ich total ländlich-schüchtern, halte mich am Bier und an Männergesprächsrunden fest, verabschiede mich nach einer netten Party, quatsche mich mit ‘nem Typen im Treppenhaus fest, höre “Kommst du noch mit zu mir?” und spüre seine Hand an der Wange, lasse ein exakt 191 cm hohes und ca. 45 cm breites Loch in der Luft.

    Ich kann dein Erlebnis voll und ganz nachvollziehen, auch den anfänglichen Schock. Längst muss ich drüber schmunzeln und bin sogar stolz. Hey, da wollte mich einer abschleppen! Ich muss ein wahnsinnig guter Schnapp sein. Gut für’s Selbstbewusstsein!

    Diese völlig irrationale Hetero-Mann-Angst, von einem Schwulen angemacht zu werden, ist drollig. Viel peinlicher ist es, wenn man nach vierstündiger Baggerei merkt, dass das tolle Mädchen gegenüber mit Kerlen mal so gar nichts anfangen kann und einfach nur einen netten Gesprächspartner suchte. Ist mir auch schon passiert. Kann ich heute ebenso drüber schmunzeln.

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