Finger weg von meiner Fehlentscheidung!

Dieser Tage wird wieder viel, und wer kann es den Leuten verdenken, über zweifelhafte Torentscheidungen diskutiert. Es ist immer das Gleiche: Eine strittige (okay, in diesem Fall war sie SEHR strittig) Szene genügt und die Diskussionen kochen hoch. Von allen Seiten werden technische Neuerungen gefordert, die FIFA bleibt stur und die “Experten” schlagen auf die FIFA ein. Zugegeben, auf die FIFA einzuschlagen gibt es genügend Gründe, dieser ist aber eher keiner. Wieso das meiner Meinung so ist, versuche ich mal zu Erläutern:

  1. Strafraumschiedsrichter:  Menschen machen Fehler, das ist ja eben der Grund aus dem ständig technische Neuerungen gefordert werden. Wenn der Schiedsrichter und der Linienrichter eine strittige Szene nicht entschlüsseln können, gibt es in diesem Fall eben noch ein drittes Augenpaar. Vorteil: Nicht nur strittige Torentscheidungen sondern auch Elfmeter und vielleicht sogar Abseitsentscheidungen (die Abseitungsstellung von Tevez hätte sicher von einem Strafraumschiri gesehen werden können) können geahndet werden. Nachteil: Menschen machen Fehler, ob es nun drei Menschen oder fünf sind ist egal. Fünf Menschen zusammen machen sicher weniger Fehler, aber sie werden Fehler machen und was kommt dann? Genau: Die Forderung nach technischen Neuerungen. Daher ist es für mich mehr als unverständlich, wieso diese Variante derzeit ausgeweitet getestet wird.
  2. Videobeweis: Mein Gott, das ist mein persönlicher Horror. Die Regularien dafür können spannend werden. Anders gesagt: Wenn sie es nicht werden, dann blüht uns das Chaos: Was darf überprüft werden, Tore, Fouls, Elfmeter, Handspiel, Seitenaus, falscher Einwurf? Wer entscheidet wann überprüft wird? Haben die Trainerbänke quasi ein Mitspracherecht und wenn ja, wie häufig darf das eingefordert werden? Dazu kommt noch, dass es eben einfach auch Szenen gibt, die nach mehrmaligen schauen in der Super-Zeitlupe noch nicht klar sind, man kennt das ja. Allen, die schon einmal ein Fußballspiel gesehen haben, inklusive HB-Männchen Trainern und ewig lamentierenden Spielern, sollte klar sein, dass ein solches Instrument das Ende des Spielflusses sein könnte. Ich seh’ mich schon bei 140 Minuten Spielen im Stadion oder vor der Glotze sitzen und den guten alten Zeiten nachweinen. Allein die Einführung für Torentscheidungen würde doch allem anderen Tür und Tor öffnen. Nach einer Handspielszene Marke Henry kommen dann die Iren und fordern die Ausweitung des Videobeweises. Und sie hätten Recht damit, denn ein wegen Handspiel zu Unrecht gegebenes Tor dürfte genauso wenig zählen, wie ein Ball, der die Linie nicht komplett überquert.
  3. Chip im Ball: Dieser ominöse Chip im Ball klingt erstmal prima. Ob die Technik tatsächlich funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich hör’ allerdings schon wieder die Spielerwelt weinen, dass der Chip die Flugbahn des Balles völlig verändert. Den Torhütern flattert er zu sehr und die Feldspieler meinen zu wissen, dass der Ball nun viel schwerer ist. Naja, mit der Jammerei können wir jetzt leben, also werden sich eher die Spieler an den Ball gewöhnen müssen. Vielleicht lieg’ ich aber auch falsch und man merkt den Chip tatsächlich nicht. Problem bei dieser Technik ist eben auch wieder die Abdeckung der Fehlentscheidungen. Ein nicht gegebener Elfmeter oder ein Tor, wegen angeblicher Abseitsstellung verweigert, ist eben fast oder genauso viel wert, wie ein Ball, der 2 Millimeter hinter die Linie fällt. Nur der Chip hilft da wenig. Auch das doppelte Handspiel von Fabiano hätte ein Chip nicht geahndet. Man müsste vielleicht den Spielern auch Chips einbauen. Ob die auch Fouls erkennen würden? Aber Abseits doch bestimmt!
Das alles scheint mir zu unausgewogen und noch wenig ausgegoren. Mit egal welcher Technik oder Neuerung wird man nicht alle zufrieden stellen können. Wenn wir alles so lassen, wie es ist, werden wenigstens ungefähr alle gleich benachteiligt. Und das ist doch auch nicht schlecht…
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9 Comments

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9 Responses to Finger weg von meiner Fehlentscheidung!

  1. Martin "Il Bomber"

    >So sieht das aus! Ich bin da ganz auf der Seite von unserem Volks-Orang-Utan Günter Netzer: "Wo bleiben denn da die Emotionen?!"! Wenn ich abgehackte Spiele mit zahllosen Unterbrechungen sehen will, gucke ich mir American Football oder Basketball an! Was bieten derlei Fehlentscheidungen nicht für wunderbares Diskussionspotenzial und was sind daraus nicht für Mythen entstanden?! Kann man sich den Weltfußball zukünftig eigentlich ohne Wembley-Tore oder Hände Gottes vorstellen?! Ich denke nein! Fortsetzung im nächsten Kommentar…

  2. Martin "Il Bomber"

    >Zugegeben: ich möchte gar nicht wissen, was es für Reaktionen gegeben hätte, wäre uns das Lampard-Tor passiert! Und vielleicht zählen mich Verfechter der elektronischen Neuerungen auch zu den Fußball-Nostalgikern, aber: ich bin gegen den ganzen neumodischen Quatsch und will und werde auch weiter mit den Fehlentscheidungen leben, weil sie für mich irgendwie dazugehören. Im Grunde hat das ganze ja sowieso nur den Hintergrund, dass es dabei einfach mittlerweile um viel zu viel Geld geht! Und der monetäre Gedanke hat im Fußball sicher schon genug kaputt gemacht.

  3. danbreit

    >Also ich bin pro Videobeweis: Jede Mannschaft hätte 2 mal in einem Spiel die Möglichkeit eine Entscheidung zu überprüfen. Dafür gibt es genau eine Person auf der Trainerbank, die vorher genau 2 grüne Einspruchkarten bekommt, die dem 4.Schiri bei einer einspruchsreifen Aktion zeitnah gegeben werden. Zum Einspruch zugelassen sind nur Strafstösse, nicht gegebene Tore und rote Karte würdige Vergehen(Tätlichkeit), die vom Schiri nicht gesehen wurden. Ausserdem sind "falsche" Tore, Handspiel, Abseits oder Ball nicht hinter der linie etc. zum Einspruch zugelassen. Zeitnah bedeutet bei Toren bis zum Anpfiff und bei keinem Tor bis zum nächsten Pfiff (Foul, Einwurf, Abstoss oder Ecke). Danach gilt die Szene als akzeptiert. Wenn der Schiedsrichter meint, dass seine Entscheidung richtig war, oder es keine Kamera gibt, die das Gegenteil beweist, bleibt die Entscheidung bestehen.

    So würden meiner Ansicht nach die Schiedsrichter mehr Sicherheit bekommen. Der Spielfluss würde nur unwesentlich beeinflusst.Durch die Beschränkung auf nur 2 Karten werden diese Einsprüche auch nicht leichtfertig gezogen. Und das spielentscheidende Fehlentscheidungen unfair sind, darüber brauchen wir uns ja nicht unterhalten.

  4. Phil

    >@danbreit: Klingt erstmal vernünftig, wird aber nicht umsetzbar sein. Erklär' mal den Iren, dass sie in der 103. Minute, nach einer äußerst eklatanten Fehlentscheidung leider keinen Einspruch mehr übrig haben. Wo bleibt denn da die Fairness?

  5. danbreit

    >Bei welchen Entscheidungen vorher hätten sie die denn ziehen sollen?
    Die andere Variante wäre, dass du die Karte zurück bekommst, wenn Du recht hattest. Also der Schiedsrichter seine Entscheidung zurück nimmt. Das würde auf jeden Fall bedeuten, dass Du immer eine Timoutkarte hast, wenn Du nur die Entscheidungen anfichst wo du dir sicher bist! Und nicht nur versuchst den Spielfluss zu unterbrechen.
    Auf jeden Fall gäbe es auch nicht mehr so viele Rudelbildungen am Schiedsrichter, weil sie erstmal der eigenen Bank signalisieren würden: Zieht die Einspruchkarte!!

  6. Phil

    >Es ging jetzt nicht exakt um dieses Spiel. Es geht nur um die Situation: Du kannst nicht das Mittel des Einspruchs anbieten und dann in einer so außerordentlich wichtigen Situation (Entscheidung um die WM-Teilnahme, Klassenerhalt, Titelgewinn, o. Ä.) sagen: "Sorry Jungs, dieses mal nicht, ihr habt schon zwei Mal gemeckert!". Das wird nicht funktionieren. Die Diskussionen werden dadurch nicht verschwinden.
    Ich erinner mich da an ein Spiel von Schalke in Dortmund. In der 71. Minute schießt Alexander Frei aus erschreckend deutlicher Abseitsposition das 2:3 (Erster Einspruch), in der 73. fliegt Pander mit Gelb/Rot vom Platz (egal wie berechtig, es hätte mit Sicherheit einen Einspruch gegeben). Weitere 3 Minuten später muss Fabian Ernst den Platz verlassen (na, eine Idee was jetzt kommen müsste? Richtig, Einspruch!) und zu guter Letzt schießt Frei in der 89. Minute einen unberechtigten Handelfmeter in die Maschen (Einspruch!). So, mal abgesehen davon, dass mit Sicherheit die beiden Platzverweiseinsprüche abgewiesen worden wären, ganz einfach weil sie sicher irgendwie vertretbar waren (Tatsachenentscheidungen sowieso), und Schalke in der Folge keinen Einspruch mehr beim letzten Treffer gehabt hätte, hätten die letzten 20 Minuten unendlich lange gedauert. Wünschenswert ist das meiner Meinung nach nicht. Und das Fußballer plötzlich davon ablassen alles und jeden anzufechten ist ja auch wieder so ein Gedanke, den ich nur schwerlich denken kann.

  7. danbreit

    >Ich erinnere mich auch noch sehr böse an das von Herrn Wagner verpfiffene Spiel! Die schöne Abseitssituation (vergleichbar mit Arg-Mex übrigens) und das angebliche Handspiel.
    Denkst du, wenn der Anschlusstreffer zurückgenommen wäre, dass die Schwatt-Gelben genau so energisch weiter gelaufen wären? Diese beiden roten Karten wirklich entstanden und auch angefochten worden wären? Und dadurch keine Einspruchkarte mehr übriggeblieben wäre, für diesen lächerlichen Handelfmeter von Kris? Und sagen wir es so: Ich kann mich nicht an ein anderes Spiel erinnern, dass so viele strittige Szenen und eindeutige Fehlentscheidungen hatte, wie dieses. Es gibt in Spielen doch wirklich sehr selten mehr als 2 strittige Szenen. Und Regeln werden versucht für die Mehrzahl der Fälle zu machen und nicht für den Einzelfall, was dieses Spiel eindeutig war. Sonst könnte man für jede Situation neue Regeln aufstellen. Nur das dauerhafte Festhalten an der Tatsachenentscheidung halte ich für einen Fehler.
    Das ist eh alles sehr spekulativ, aber ich würde gerne mal sehen, wie sich dieser Videobeweis in der Realität entwickeln würde. Es gibt viele Sportarten, wo sich die Spieler und Zuschauer, den Videobeweis nicht mehr wegdenken können, wie zum Beispiel in fast allen amerikanischen Sportarten: Eishockey, American Football oder Basketball. Aber selbst im alt ehrwührdigen Tennis gibt es ihn ja mitlerweile.
    Nochmal zum 3:3: Aber was Du am Fallbeispiels dieses Spiels(was für mich übrigens der erste Sargnagel Ruttens war) beschreibst, hätte meiner Ansicht nach durch den Videobeweis verhindert werden können und meiner Meinung auch durch die 2 Einspruchkarten.

  8. Phil

    >Ich finde auch die Vergleiche mit amerikanischen Sportarten immer schwierig. Es hat schließlich auch einen Grund, dass sich im Rest der Welt eher Fußball durchsetzt und amerikanische Sportarten eine Randerscheinung bleiben.
    Im Großen und Ganzen werden wir wohl bei diesem Thema nicht auf einen Nenner kommen. Muss aber auch nicht immer sein, find' ich.
    Allerdings hat der "Trainer" Frank Baade sich auch zum Thema Fehlentscheidungen so seine Gedanken gemacht. hier: Trainer Baade

  9. danbreit

    >Haste schon recht, muss man nicht immer. Aber die Diskussion ist doch auch wat Schönes. Dogfood von allesaussersport hat sich auch seine Gedanken gemacht: Instant Replay

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