Ein Onk im Abseits

Beschränktes Sichtfeld. Plötzlich liegt der Ball im Tor, man springt auf, verschüttet dabei zwei Biere und setzt zum Jubel an, während auf dem Kneipenmonitor in Großaufnahme bereits der Schiedsrichterassistent mit streng erhobener Fahne zu sehen ist: Abseits. Peinlich. Und von der Seite eilt der Wirt bereits mit einem alten Lappen.

Meist ist man aber zumindest nicht der einzige Idiot, der sich mal wieder zu früh gefreut hat. Ein schwacher Trost. Aber zumindest ein Kleiner. Mir ist das natürlich auch nicht erst einmal passiert, aber es geht noch deutlich schlimmer.

2005. Ligapokal, oder ein anderer irgendwie überflüssiger Wettbewerb. Ja, doch: Ligapokal. Vor der Saison war der Hunger auf Fußball so groß, dass die Kneipe selbst zu diesem Wettbewerb proppevoll war und wir nur noch einen Platz im hinteren Bereich, fernab der Leinwand vor den kleinen Pupillenkillern bekommen konnten. Was nimmt man nicht alles in Kauf für den Ligapokal?

Wer damals aus welchen Gründen an diesem Wettbewerb teilnehmen durfte? Das weiß wohl niemand mehr. Auf jeden Fall wurde dem VfB Stuttgart die Ehre zuteil, gegen den glorreichen FC Schalke 04 antreten zu dürfen. Auf Seiten der Blauen spielten damals Legenden wie Bordon, Lincoln, Sand und Kuranyi. Beim VfB standen unter anderem Hitzlsperger, Gomez und Hildebrand auf dem Rasen.

Bereits nach weniger als zehn Minuten kam es zum Glanzstück dieses Spiels, als Lincoln aus der Bedrängung heraus Kuranyi mit einem traumhaften Hackenpass so komplett freispielte, dass dieser nur noch die wenigen Meter Richtung Sechzehner hinter sich bringen und in typischer Kuranyimanier vollenden musste. Wunderbar. Vermutlich war es weniger die enorme Relevanz des Spiels, als vielmehr die grenzenlose Eleganz des Zuspiels, welche nicht nur bei mir zu Jubel führte. An das restliche Spiel fehlen dann auch jegliche Erinnerungen. Vermutlich war es eher ein langweiliger Vorbereitungskick.

Dies verleitete dann wohl auch die Bildregie, den Treffer so zwanzig Minuten später im laufenden Spiel noch einmal einzuspielen. Ein lautes „DAS GIBT ES NICHT! JETZT MACHT DER DAS NOCHMAL!?!“ durchschnitt die relative Kneipenstille des langweiligen Spiels.

Nanosekunden später stand ich mit knallrotem Kopf inmitten der anderen Gäste und wäre am liebsten sofort ganz woanders gewesen.

Im Stadion, oder so.

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Alles gucci, Knut Reinhardt?

„Du hattest natürlich Glück, dass du ganz viele ehemalige Spieler, die aus Italien Mode mitgebracht haben, und Essenskultur, denk nur an Andy Möller, an Julio Cesar, der zwei Versace-Boutiquen in Turin hatte. Oder auch generell unsere schönen Abende, wo wir gemeinsam uns gut gestylt im Dortmunder Nachtleben rumgetrieben haben.“

Knut Reinhardt, angesprochen auf Steffen Freunds Erscheinungsbild bei seinem Wechsel von Schalke 04 zum BVB, macht mal eben deutlich, was in Dortmund halt so wichtig ist.

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Das Jansensyndrom, oder: Die Gedanken mäandern

Ungefähr ein halbes Jahr ist es her, da haben die beiden Herren vom Flatterball-Podcast ihren Abschied verkündet. Der Eine (Wagner? Salzmann? Waren das überhaupt zwei? Lange her…) meinte im Verlauf der Abschiedsfolge, er hätte seit Ewigkeiten kein Spiel mehr gesehen. Ich fand das damals unfassbar. Wie kann jemand regelmäßig fußballrelevante Themen dermaßen engagiert diskutieren und dann von jetzt auf gleich komplett das Interesse daran verlieren? Das geht doch überhaupt nicht.

Nun, seitdem ist etwas Wasser die Schwelme heruntergeflossen. Hat eigentlich mal jemand geguckt, ob es dieses Rinnsal  noch gibt? Die Sommerpause hat ganz gut getan, konnte zu Beginn nicht lang genug, am Ende nicht schnell genug vorbei sein. Wie das halt so ist. Man vergisst schnell, wie sehr man eigentlich die Schnauze voll hatte, von der letzten Saison. Aber das war ja auch die letzte, die alte, die zum Glück beendete Saison, die neue wird komplett anders werden. Besser. Ganz sicher.

Die Vorzeichen, jetzt speziell auf Schalke, waren ja auch ganz okay. Der neue Trainer wusste zu überzeugen und die Mannschaft blieb weitestgehend verletzungsfrei. Letzteres hat sich leider nicht über den Saisonbeginn hinweg retten lassen und auch der Trainer beginnt mitunter mit seinem kloppschen Sprüchefeuerwerk zu nerven. Brutal. Aber egal. Es ist schließlich nicht seine Aufgabe, mich mit Pressekonferenzen zu erfreuen. Außerdem zwingt mich ja niemand, diese Runden auszusehen, vermute ich. Ich schaue sie trotzdem. Aus Gewohnheit. Oder Langeweile. Oder der Angst, etwas zu verpassen.

Mit dem restlichen Fußballbusiness sieht es da inzwischen aber komplett anders aus, musste ich in den letzten Wochen ein bisschen erstaunt feststellen: Für eine Studie habe ich zu den ersten paar Spieltagen jeweils an Umfragen teilgenommen, in denen regelmäßig auch gefragt wurde, ob einem die Ergebnisse der anderen Partien (neben der des eigenen Vereins) bekannt seien, und immer häufiger musste ich dies verneinen. Hatte ich sonst, auch aus Tippspielgründen alle Spiele zumindest am Liveticker verfolgt, wusste ich nun teilweise noch nicht einmal die Endergebnisse. Wie konnte das passieren?

Vielleicht liegt es an den Protagonisten. Über die letzten Jahre wurden unter anderem Clubs wie Nürnberg, Bochum oder Kaiserslautern gegen beispielsweise Augsburg, Hoffenheim und Ingolstadt „getauscht“. Nun ist es keineswegs so, dass ich den VfL oder Kaiserslautern besonders geil fände, allerdings sind mir die Spiele der anderen genannten Vereine einfach noch ein bisschen egaler. Es müsste schon so Einiges zusammenkommen, damit ich mir ein Spiel eines dieser Vereine ohne blauweiße Beteiligung ansähe.

Dazu die aktuellen Aufsteiger: Gab es in der Vergangenheit immer mal wieder Saisons, in denen sympathische oder wenigstens interessante Underdogs den Weg in die Erstklassigkeit gefunden hatten, blieb uns dies in der jetzigen Saison auch einfach mal komplett erspart. Ja, Darmstadt hat ein total altes Stadion. Ganz toll.

Die Liga ist farblos und oben kreist der FC Bayern. In erster Linie um sich selbst. In der letzten Saison waren sie gefühlt erst zur Winterpause Meister, also hat man folgerichtig noch mal so rund 80 Millionen Euro auf den Kader geschmissen. Gegen die anhaltende Erfolglosigkeit. Das sollen sie ja von mir aus auch machen, wenn sie es für den richtigen Weg halten. Nervig sind dabei leider nur die Bayernfans, die Woche für Woche nach dem nächsten Fünfsechssiebenachtzunull völlig überrascht und -wältigt sind, und erklären, wie großartig das alles aktuell doch sei. Ja richtig. Das ist in etwa so, als würde ein Jäger mit einer Panzerfaust auf ein Reh ballern, nur um dann im weit verstreuten Rehmatsch stehend festzustellen, dass das Reh ja nun tatsächlich gestorben sei. Na, das ist ja ein Ding!

Noch lustiger sind nur die Zeitgenossen, die sich nicht entblöden, auch nach dem siebten Kantersieg gegen einen „direkten Konkurrenten“ zu erklären, die anderen Vereine würden ja überhaupt nicht gewinnen wollen. Angeblich müsse man ja nur mutig genug sein, dann klappe das mit den Siegen gegen die Bayern von ganz alleine. Aha, aha. So einfach ist das also. Dann mal los.

Und überhaupt: Der FC Bayern hätte seine finanzielle Position ja ausschließlich den sportlichen Erfolgen zu verdanken. Eine kleine Episode vom Beginn des Jahrtausends lässt allerdings durchblicken, auf welche Art und Weise man an der Isar ebenfalls Kapital generiert. Stichwort: Kirch-Affäre. Die anderen Vereine hätten sich hinter dem Rücken der Liga ja ebenfalls einen Haufen Kirch-Geld ergattern können, um den Vorsprung auf die Konkurrenz uneinholbar aufzubauen. Aber nein. Auch die Position für krumme Geschäfte dieser Größenordnung muss man sich ja erst einmal erarbeiten. Hoeneß, Beckenbauer, Rummenigge.

Vielleicht hätte die DFL damals die bayrischen Boykottandrohungen dankbar annehmen sollen. Dann würde München sich inzwischen nur noch international mit Paris, Manchester City und Barcelona messen. Und wir hätten vielleicht eine interessante Bundesliga. Diese Langeweile ist ja kaum noch zu ertragen. Vermutlich befeuert genau dieser Umstand auch die Tatsache, dass jedes andere Geschehen momentan irre hochgekocht wird.

Nehmen wir nur den Fall „Johannes Geis“. Während Sky noch damit beschäftigt war, die 37. Superzeitlupe des Fouls auszupacken, tobte der Mob schon längst zwischen wüsten Anschuldigungen, kruden Verletzungstheorien und Lynchjustizphantasien. Absicht  sei das Foul gewesen, da sei man sich ganz sicher. Ob André  Hahn überhaupt jemals wieder Fußball spielen könne, wurde ebenso brandbeschleunigend, wie im Nebel stochernd, in den Raum geworfen.  Manchen war es nicht einmal zu doof, eine alttestamentarische Auge-um-Auge-Sperre zu fordern. Nein, dem Geis sollte nicht das Bein gebrochen werden (hoffe ich), er sollte lediglich für die Verletzungsdauer André Hahns gesperrt werden. Wirrer geht es wohl kaum. Verletzt sich demnächst mal wieder ein Spieler ohne Fremdeinwirkung, wird wohl der Rasen an dieser Stelle besudelt, herausgerissen und rituell verbrannt. Was gelangweilte und aufgebrachte Fußballfans halt so in ihrer Freizeit treiben. Andere stürzen sich auf Josep Guardiolas Vertragssituation. Die ist nämlich auch irre spannend.

Einige Anhänger von Schalke haben sich derweil andere Beschäftigungen gesucht. Beispielsweise wird Julian Draxlers Werdegang seit seinem Wechsel zum VfL Wolfsburg „humoristisch“ begleitet. Nicht wegen des Wechsels an sich, sondern aufgrund seiner Aussagen danach, auf Schalke habe der permanente Druck seine Entwicklung gehemmt. Kritik am Schalker Umfeld, und die ist seiner Aussage inhärent, duldet das Schalker Umfeld natürlich nicht. Jede Gelegenheit wird dazu genutzt, ihn und seine Aussage ins Lächerliche zu ziehen. Selbst seine bislang durchaus beachtenswerten Leistungen im Trikot der Wölfe werden heruntergespielt. Das macht ja auch viel mehr Spaß, als sich vor Augen zu führen, was im eigenen Umfeld vielleicht alles nicht stimmt.

Dabei wäre es durchaus sinnvoll, sich sowohl von Fan-, als auch von Vereinsseite mal grundlegend zu überlegen, wie man in Zukunft am besten mit Talenten umgeht. Zweifellos sucht die Nachwuchsabteilung der Schalker ihresgleichen, ob die Bundesligamannschaft immer der nächste richtige Schritt für die Talente ist, kann bezweifelt werden. Gerade auf offensiven Schlüsselpositionen ist Draxler ja nicht der erste, der die Flucht ergreift, nur um dann woanders eine große Nummer zu werden. Das Beispiel Donis Avdijaj wird zeigen, inwiefern eine Leihe als Zwischenschritt sinnvoll sein kann. Auf jeden Fall dürfen sich Umfeld und Verein auch vor dem Hintergrund des derzeit omnipräsenten Leroy Sané von mir aus gerne etwas in gedämpfter Erwartungshaltung üben.

Vermutlich würde ich das ganze Theater auch einfach besser ertragen, wenn in der Liga mal wieder sportlich Spannendes passieren würde. Es ist ja schon irgendwie bezeichnend, dass für mich die interessantesten Spiele der letzten Jahre (neben denen der Blauweißen, jaja) beinahe ausschließlich die Relegationsspiele waren: Zwei Spiele, Action, Drama, (Fehl-)Entscheidungen. Perfekt. Da wäre es doch wünschenswert, so etwas häufiger zu bekommen. Zum Beispiel in Playoffs zum Saisonende. Nur: Ob es dazu jemals kommen wird? Schwer vorstellbar. Und so schaue ich ab und an ein wenig neidisch in Richtung 2. Bundesliga, wo sich zahlreiche spannende Vereine tummeln, wo es eng zugeht und wo vermutlich wirklich jeder noch jeden schlagen kann. Die zweite Liga, mit der ich doch um Himmels Willen eigentlich nichts zu tun haben  will.

Verwirrend.

Inzwischen habe ich auf jeden Fall durchaus mehr Verständnis für die Herren Flatterball. Vermutlich habe ich den Fußball einfach nie so wirklich geliebt.

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Clemens und der Veganerhäuptling

Seit Ewigkeiten hast du keinen guten Abend mehr gehabt. Ständig nur allein zuhause von der Glotze, in der natürlich auch nur irgendein Scheiß lief. Immer ging es auf halbem Weg zwischen frustriert und deprimiert ins Bett. Alle Versuche, mal jemanden zu einem Kneipenabend zu bewegen, liefen ins Leere. Keine Zeit, keine Lust, undsoweiterundsofort.

Gerade droht die Laune auf dem Tiefpunkt aufzuschlagen, da schreibt jemand in der großen Whatsappfreundeskreisgruppe (Mailinglist, für die Älteren. Oder Telefonkette.), ob nicht jemand Lust auf ein Freitagabendbierchen in der Kneipe hat. Da! Da! Nicht zu fassen! Ein Licht am Ende dieser mal wieder tristen Woche!

„Hier! Ich! Bin dabei! Wann? Wo?“

Okay, das kam nun vielleicht ETWAS zu schnell und EIN BISSCHEN zu verzweifelt rüber. Und vielleicht auch zu wenig durchdacht: Mit dem Typen, der da so einladend schrieb, hast du ungefähr so viel gemein wie der Vorsitzende vom Veganerweltverband mit Clemens Tönnies: Ihr mögt zwar beide Tiere, verfolgt allerdings einen leicht divergierenden Ansatz. Das könnte ein zäher Abend werden, aber Absagen gilt nicht, zumal die Woche ja überhaupt nicht mehr schlimmer werden kann und vielleicht (BESTIMMT!) ja noch jemand anders zusagt.

Aus bestimmt wird vielleicht wird bestimmt nicht. Klar. Keine Zeit, keine Lust, undsoweiterundsofort. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben sie ein Haus gebaut. Und sie kommen da wahrscheinlich nie mehr raus. Aber alles ist besser, als Freitagabend schon wieder zuhause vorm Fernseher zu hängen. Schließlich haben selbst die Menschen von Netflix schon angerufen um zu fragen, ob du nicht mal wieder vor die Tür gehen willst.

Der Abend wird dann wie erwartet: Selbst hast du wenig zu erzählen. Arbeit? Wie immer. Frauen? Haha! Serien? Nicht sein Ding. Musik? Eigentlich alles. Geh weg! Also hörst du dir an, wie sehr Deutschland am Ende ist, lässt dir von den glorreichen Erfolgen des FC Bayern berichten und kannst derweil den Blick nicht vom Eingang abwenden, weil du inständig hoffst, dass doch noch überraschend jemand Bekanntes auftaucht. Wenigstens hast du, als du dich nach ein paar Stunden entschuldigend aus dem Staub machst (Muss morgen unheimlich früh raus, Termine, diesdas…), ein ansehnliches Bierdeckelmuster zu begleichen. Immerhin.

Ein bisschen so war die letzte Saison mit Schalke 04. Woche für Woche.

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Medizinschreck

Während die Profimannschaft in Teilen im Trainingslager verweilt, sind die Transfertätigkeiten der Schalker in den Schlagzeilen. Fiel zuerst der auf Schalke nicht mehr benötigte Felipe Santana durch den Medizincheck beim FC Köln, gelang selbiges nun auch dem freigestellten Sidney Sam in Frankfurt.

Inwiefern sich daraus ein Imageschaden (der nächste) für Schalke 04 ergibt, darüber kann man sicherlich trefflich streiten. Im Fall „Santana“ liegt bei Schalke in erster Linie ein finanzieller Schaden, der Imageschaden liegt hauptsächlich beim Spieler. Schalke geht die Ablösesumme durch die Lappen und Schalke muss weiter Gehalt für den Spieler zahlen, den man eigentlich nicht mehr benötigt. Der Spieler allerdings steht natürlich nun als ein Profisportler da, der entweder so unbewusst mit seinem Körper umgeht, dass ihm ein Faserriss entgeht, oder als ein Spieler, der für den Profibereich einfach nicht die nötige Ernsthaftigkeit mitbringt. Schlecht für ihn. Sehr schlecht.

Bei Sam liegt die Sache noch ein bisschen anders. Man weiß nicht genau, was ihm fehlt, ob er selbst was bemerkt hat oder überhaupt bemerken konnte. Es gibt keine (uns bekannte) Diagnose1, keine Ursache, kein Auslöser. Alles Spekulationen. Allerdings ist der Schritt des Vereins, diese spärlichen Informationen zu veröffentlichen, bemerkenswert. Vielleicht wollte man direkt klar stellen, nicht innerhalb weniger Tage einen weiteren offensichtlich verletzten Spieler zum Medizincheck bei einem anderen Verein geschickt zu haben. Vielleicht wollte der Spieler auch nicht als jemand da stehen, der so wenig Profi ist, verletzt zu einer solchen Untersuchung zu erscheinen. Wie gesagt: Er muss ja nicht einmal gewusst haben, was ihm fehlt, dass ihm etwas fehlt.

Vermutlich kann man dem FC Schalke den Vorwurf machen, die Spieler vor den jeweiligen Checks nicht selbst noch mal einer Untersuchung unterzogen zu haben. Ob das bei anderen Vereinen üblich ist? Keine Ahnung. Bei Spielern, die verliehen waren oder suspendiert sind, wäre dies aber vermutlich doppelt ratsam. Ob andere Vereine in diesen Fällen so handeln? Keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Praxis auf Schalke in Zukunft überdacht wird.

  1. Natürlich ist zu hoffen, dass die Diagnose schnell kommt, nicht sonderlich schlimm ist und Sidney Sam schnellstmögliche Genesung findet.

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Diese Sache mit Khedira

Es herrscht ja bei Schalkeanhängern gerne mal ein ziemliches Spannungsfeld: Einerseits muss man immer über alles, was im Verein passiert unverzüglich bis ins kleinste Detail informiert sein – besonders was Personalfragen angeht – andererseits mag man es überhaupt nicht sehen, wenn der Verein sich teils öffentlich sichtbar um Personal bemüht, welches dann nicht zu einer Anstellung überzeugt werden kann.

Bei Sami Khedira hatte Horst Heldt mehrfach öffentlich angedeutet, dass man sich eingehend mit dem Spieler befasse, zuletzt aber betont, ohne eine Trainerverpflichtung für die neue Saison in dieser Sache keine Entscheidung treffen zu wollen. Die Logik dahinter mag zwar nicht von der Hand zu weisen sein, jedoch sollte man sich schon fragen, wie sinnvoll diese Ausrichtung der Einkaufspolitik als FC Schalke 04 ist, der seine Trainer öfter wechselt, als die Irrlichtgestalt Beckenbauer ihre Meinung. Es ist eben eine Frage der Philosophie. Und das ist auf Schalke so eine Sache.

Ein kleiner Schlenker, aber der musste sein. Zurück zu Sami Khedira. Die Gespräche zwischen ihm und Schalke, so lässt er es in etwa verlautbaren, seien gut gewesen und durchaus weit fortgeschritten. Auch mit Di Matteo habe er sich positiv ausgetauscht. Dann wurde es auf Schalke zunehmend unruhiger und der Trainer musste gehen. Von diesem Zeitpunkt, so Khedira, sei ihm klar gewesen, dass er woanders hingehen müsse.

Eine Argumentation, die man bei einem Spieler, der in Deutschland tendenziell unterschätzt wird, durchaus nachvollziehen kann. Man denke nur an die Einschätzungen diverser Experten, Khedira sein sowieso dauerverletzt und bereits in einer Art Vorruhestand. Da will man als Spieler ganz gewiss wissen, mit welchem Trainer man es zu tun hat. Das ist ja immer auch eine Sache des Vertrauens.

Ebenso nachvollziehbar sind natürlich die reflexartigen Ausführungen vieler Schalker, seine Argumente seien albern und die Verpflichtung nur an zu hohen Gehaltsforderungen gescheitert. Wobei das natürlich schon ein bisschen komisch ist, hört man doch allenthalben, Schalke zahle den meisten Spielern ganz automatisch viel zu viel Gehalt. Aber geschenkt.

Was nun wirklich stimmt, werden wir nicht herausfinden können, jedoch sind Khediras Aussagen, auch weil sie einfach sehr plausibel erscheinen, ein fetter Warnschuss für Schalke. Spieler von dieser Klasse haben es schlicht nicht mehr nötig, sich einem solchen Theater mit Minimum einem Trainerwechsel und drei Fanprotesten pro Saison auszusetzen. Aber auch Spieler eines geringeren Kalibers werden dies sehr aufmerksam aufgenommen haben. Die werden sich unter Umständen auch fragen, zu welchem Gehalt man sich das noch antut, wenn man zum Beispiel in Leverkusenwolfsburggladbach für mehr oder weniger gleiches Gehalt ganz in Ruhe arbeiten kann.

Bleibt das aktuelle Steckenpferd der Schalker: Die Jugendabteilung. Klar ist es derzeit für viele junge Talente sicher verlockend in der Schalker Jugend zu spielen, aber mit der Aussicht auf chaotische erste Profijahre mit zahlreichen Trainer- und Spielphilosophiewechseln und einer dadurch gebremsten Entwicklung könnten Entscheidungen dort in Zukunft auch anders ausfallen.

Es muss also endlich wieder Ruhe einkehren. Gerne auch mal für mehr als ein halbes Jahr. Vielleicht ist mit der Verpflichtung André Breitenreiters ein erster Schritt getan. Ich wünsche es ihm. Und uns.

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Die letzte Kugel

LdfsSTEtwas mehr als zwei Jahre ist es her, da hatte ich diese Liste hier im Blog. Die Saison neigte sich dem Ende entgegen und es war im Grunde so gut wie klar, dass Schalke nicht mit Jens Keller in die darauffolgende Saison gehen würde. Viele Namen kursierten in den Medien und Armin Veh war sogar bereits auf der Autobahn. Schon damals schwankten die Möglichkeiten zwischen internationalem Renommee, Trainerneuling mit großem Namen, Kumpel vom Manager & Altschalker.

Man blieb vorerst bei Keller, suchte sich 15 Monate später dann doch jemanden mit vermeintlichem internationalen Standing und steht weitere sieben Monate später einfach mal wieder ohne Trainer da.

Nur diese Mal steht Horst Heldt vor einer etwas anderen Frage: Wie rettet er sich selbst? Holt er Kompetenz, oder betreibt er Fanservice? Wovor hat er mehr Angst? Vor schlechten Ergebnissen, oder vor beleidigten Fans? Immerhin scheint dies nun wirklich seine letzte Chance zu sein.

Der leichteste Weg wäre vermutlich, einen ehemaligen Schalke-Spieler wie Wilmots oder Büskens zu installieren. Die schnell mal beleidigten Fans wären vorerst versöhnt. Wilmots hat zwar kaum Erfahrung in der Bundesliga und Büskens war bislang nicht sonderlich erfolgreich, aber nun soll es vorrangig ja sowieso um die Art des gespielten Fußballs gehen. Auf gute Ergebnisse kann man dann noch immer hoffen.

Oder Heldt setzt auf Erfahrung. Da wäre Thomas Schaaf ein Kandidat. Der kennt sich aus in der Bundesliga und hat auf nationaler Ebene auch schon mal einen Titel gewonnen. Schaaf ist allerdings außerhalb des Platzes nicht so irre unterhaltsam. Oft konnte man zu Jens Kellers Zeiten unter Fans und Journalisten ja heraushören, man hätte lieber einen Typen wie Klopp, der eine Pressekonferenz zur One-Man-Show macht und auch sonst ein cooler Entertainer ist. War Keller nicht, wird Schaaf nicht mehr werden.

Die perfekte Lösung gibt es vermutlich nicht. Ein Trainer, der viel Bundesliga-Erfahrung hat, schalkigen Fußball – im neuen, positiven Sinne – spielen lässt, eine Vergangenheit auf Schalke vorzuweisen hat und der nebenher ein großer Spaßmacher ist, muss noch erfunden werden.

Was also macht man mit seiner letzten Kugel im Revolver? Vielleicht einfach was komplett anderes.

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Vorhang auf: Spektakel!

Eines ist nach der Derbyberichterstattung klarer denn je geworden: Die Medien lechzen nach Showelementen, mehr als nach dem eigentlichen Spiel selbst. Sogar die offizielle Website der Liga erging sich in Jubelarien über „Batman & Robin“ und bebilderte schlicht alles mit Schnappschüssen von beiden. Klar, die Dortmunder feiern ihre Clowns und stellen jeden als Spaßbremse hin, der Kritik an dieser Marketingmasche übt.
Nun kann man darüber diskutieren, inwiefern ein solcher vorbereiteter Torjubel im Unsportlichen einzuordnen ist, oder man nimmt es als irre lustig und total kreativ hin. Dann könnte man aber mal anfangen, eine damit einhergehende und im Fußball inhärente Ungerechtigkeit diskutieren: Offensivspielern wird es viel leichter gemacht, sich selbst als Marke zu positionieren. Sie schießen die Tore. Nach Toren wird unterbrochen. Nach Toren ist Zeit für Marketing.
Defensivspieler machen die Drecksarbeit, machen die folgenreichen Fehler, und stehen dann wie begossene Pudel im Regen. (In solchen Momenten gibt es ja immer einen Regenguss.) Retten sie in letzter Sekunde geht es entweder ohne Unterbrechung oder mit der nächsten Ecke weiter. Es bleibt brenzlig. Keine Zeit, außersportliches Marketing zu betreiben.
Unfair, oder?
Nachdem nun also die Einführung der Torlinientechnik in den Sport beschlossene Sache ist, scheint der Schritt zum Videoschiedsrichter nicht mehr weit. Weitere Spielunterbrechungen sind also die Zukunft des Sports. Da könnte man sicherlich zusätzlich noch ein paar Zeitfenster für Torhüter und Abwehrspieler freischaffen, welche für Marketingzwecke genutzt werden dürfen.
Man stelle sich das nur mal vor: Yann Sommer kratzt einen Calhanoglu-Freistoß aus dem Winkel, der Schiedsrichter unterbricht das Spiel, Sommer flitzt hinter die Bande und kommt mit spitzem, grauem Hut und Stock hervor: DU – KOMMST NICHT – VORBEI!
Oder: Heiko Westermann. Der hat ja definitiv gewaltiges Starpotential, nur bekommt er nie genügend Zeit, sich auch marketingwirksam zu positionieren. Nehmen wir also an, er schafft es, Arjen Robben den Ball im letzten Moment zur Ecke abzugrätschen. Während wir nun alle auf die Ausführung des Eckstoßes warten und Arjen Robben zur Landung ansetzt, kann HW4 sich eine Raumpflegeruniform überwerfen, mit einem Wischmop bewaffnen und andeuten, dass einzig und allein er den Laden sauber hält: HW4 – Der Saubermann.

Ich bin dafür. Mehr Spektakel! Es wäre wirklich nur fair.

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Arbeitstitel: Alaaf!

Bei uns in Schwelm herrscht seit Ewigkeiten die Eigenart, nicht am Rosenmontag sondern dem Sonntag vorher in Massen zum Karneval nach Köln zu fahren. An diesem Tag finden die Schull- & Veedelszöch statt. Es ist also ordentlich was los, aber nicht so überfüllt wie am Rosenmontag. Vermutlich war der Sonntag deshalb bei uns so beliebt. Als ich das erste Mal — vermutlich mit 16 oder 17 Jahren — an diesem Tag dabei war, konnte ich es gar nicht fassen, welche Menschenmassen sich in unserer kleinen Stadt schon früh am Bahnhof einfanden.

In den folgenden Jahren war ich dann zwar nicht in jedem Jahr, aber doch recht oft dabei, wenn es an eben diesem einen Sonntag in Richtung Domstadt ging. Das waren eigentlich immer tolle Touren mit übler Musik, lecker Kölsch und dem ein oder anderen Ausfall. Ich kann mich zum Beispiel noch sehr gut daran erinnern, dass mein Freund R. einmal meinte, es wäre eine gute Idee, auf der Rückfahrt die Notbremse vom Regionalexpress zu ziehen.

„Traust du dich nicht!“ – „Doch! Klar!“ – „Nee, auf gar keinen Fall.“ Rumms. Quiiiiieetsch. Und ein triumphierender Blick. Nach einem langen anstrengenden Tag wollten wir alle ja auch nicht einfach nur noch nach Hause. Da kann man noch locker irgendwo in einem notgebremsten Zug in der Pampa rumstehen. Dann tauchte der Schaffner auf. R.: „Ich war dat. Wat wollense  jetzt machen? Mich rauswerfen?“ Den Schaffner hat dieses Geständnis allerdings herzlich wenig beeindruckt. Vermutlich hielt er ihn nur für einen besoffenen Spinner, der sich wichtig machen wollte. Stimmte nur zur Hälfte.

In einem anderen Jahr hatte sich D. — verkleidet als Obi-Biber — etwas zu viel zugemutet und wurde, als gerade keiner von uns so richtig aufpasste, von einer Freundin  in die Hände von Sanitätern übergeben, welche ihn dann in ein Krankenhaus abtransportierten. Auf unsere Frage, in welchem Krankenhaus wir ihn wieder abholen könnten, hatte sie aber keine Antwort. Offenbar hatte sie nicht bedacht, dass wir uns nicht mehr auf dem Dorf befinden und Köln durchaus mehr als ein Krankenhaus hat. Das Problem erübrigte sich aber dann aber, als er mit einem Kölsch in der Hand plötzlich wieder im Brauhaus stand. Den Krankenhausaufenthalt hatte er wohl genutzt, um sich ein bisschen auszuschlafen und dann Langeweile bekommen.

Aber auch andere Dinge können an einem solchen Tag für Probleme sorgen. Zwei oder dreimal kollidierte der Termin mit einem Spiel des glorreichen FC Schalke 04. Sonntags gibt es zwar keine konkurrierenden Parallelspiele, trotzdem muss man ja erstmal eine Kneipe in Köln finden, die im Karnevalstrubel bereit ist, ein Fußballspiel zu zeigen. Und im besten Fall noch einen oder zwei Mitstreiter. Sich alleine in eine Kneipe zu setzen, ist nämlich eher nicht so der Knaller. Also, finde ich.  Die Suche nach Begleitern hängt dann natürlich auch von der Uhrzeit ab. Findet das Spiel erst gegen Abend statt, haben sich vermutlich schon alle potenziellen Kandidaten aus dem Staub gemacht.

So konnte ich mich 2008 glücklich schätzen, zumindest von A. auf Kneipensuche begleitet zu werden. Schalke sollte an diesem Tag den VfB Stuttgart empfangen, der uns in der Vorsaison im Rennen um Platz 1 noch kurz vor Schluss den Rang ablaufen konnte. Dieses Duell wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. So sahen wir, schon recht angeschlagen zwischen Kopf-auf-dem-Tresen und Irrwegen auf Toilettensuche, wie Kevin Kuranyi & Heiko Westermann den VfB erledigten. Dann der Knaller: Wintertransfer Ze Roberto II. betritt in der 90. Minute das Spielfeld und sorgt in der Nachspielzeit prompt für den 4:1 Schlusspunkt. An dem werden wir noch viel Spaß haben, war ich mir sicher. 

Zwei Jahre später sollte es wieder nach Köln gehen. Es war Sonntag, der 14.2.2010. Schon Wochen vorher hatte ich damit begonnen, Packung um Packung Mullbinden mit schwarzem Tee einzufärben und eine Hose und einen Pullover damit zu bekleben, um einen ordentlichen Mumienlook zu bekommen. Ziemliche Fummelei, aber Sonntag morgens war ich dann komplett vermummt und durchaus zufrieden mit dem Ergebnis. Schön wäre halt noch gewesen, wenn mein Kostüm die Zugfahrt unbeschadet überstanden hätte, aber in Köln am Bahnhof angekommen, sah ich doch schon relativ zerfleddert aus. Aber macht ja nichts. Eine soeben ausgebuddelte Mumie ist ja auch nicht mehr taufrisch.

So sollte die Verkleidung die nächsten vier bis fünf Stunden dann auch relativ unbeschadet überstehen. Irgendwann so gegen 15 Uhr war es dann an der Zeit, Mitstreiter und eine Kneipe zum Fußballschauen zu suchen. Schließlich empfing Schalke an diesem Tag den FC, und da war es nur gerecht, dass Köln mich zu beherbergen hatte. Mit den Mitstreitern war es aber so ein Problem. Mein Bruder war an diesem Tag gar nicht mitgefahren. R. war schon wieder auf dem Weg nach Hause, vermutlich, weil seine Freundin ihn mal wieder evakuieren musste. Wobei: 2010 kann auch das eine Jahr gewesen sein, in dem es mal umgekehrt war, aber wer erinnert sich schon immer hundertprozentig? Blieb nur A.. Bei dem half jegliches Generve aber auch irgendwie nicht.

Also alleine los. Draußen war es schweinekalt und mein Mumienkostüm war alles andere als wintertauglich. So wankte ich, vor Kälte zitternd, auf der Suche nach einem verheißenden Pay-TV-Schild, durch die Kölner Altstadt, doch es schien aussichtslos. So richtig ortskundig war ich ja auch nicht. Schön bescheuert eigentlich, sich dann im Karnevalstrubel auch von der Gruppe zu entfernen, aber egal. Ich war trotzig, mir war kalt, ich wollte das Spiel sehen.

Plötzlich sah ich in fünfzig Meter Entfernung am Ende eines Platzes einen Streifenwagen samt daneben stehendem Polizisten. Ah, der Freund & Helfer dachte ich, und hielt auf den Mann zu. „Können sie mir sagen, wo ich hier Fußball gucken kann?“ Der Beamte schaute mich an, als hätte ich ihn gerade um Aushändigung seiner Plempe gebeten. „Oh kacke, jetzt wandere ich in den Bau!“ Eigentlich hatte ich sowohl beim Fußball, als auch bei anderen Veranstaltungen bisher nur mit sehr hilfsbereiten Polizisten zu tun, aber so wie der Herr gerade guckte, konnte das nicht gut für mich ausgehen.

Nun grinste er und zeigte über seine Schulter auf das Haus, das keine drei Meter von uns entfernt stand: „Junge, jetzt aber bitte nicht mehr ganz so viel Bier…“ Nicht nur, dass der bekannte Pay-TV-Schriftzug an der Hauswand zu finden war, nein, auch eine recht große Tafel wies auf die Übertragung des Nachmittagsspiels hin. Nun gut, das war jetzt ein bisschen peinlich, aber schön, wenn einem die Polizei helfen kann. Ich bedankte mich artig und suchte den Weg ins Innere der Gaststätte.

Drinnen hieß es, erst einmal die Lage zu sondieren. Schließlich war dort ja Feindesland. Im kollektiven Gedächtnis der Kölner war es schließlich kein geringerer, als der Schalker Oliver Held, der die Kölner 1998 mit seinem Handspiel im Strafraum in den Abgrund gestoßen, und ihn so schlussendlich zur Fahrstuhlmannschaft gemacht hatte. Das ist zwar, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit — Köln stand nach diesem 27. Spieltag1 auf Platz 12 und verlor in der Schlussphase der Saison noch gegen den KSC, Werder Bremen, 1860 München & Arminia Bielefeld — aber so lautet eben der Mythos des ersten Bundesligaabstiegs des 1. FC Köln: Oliver Held. Und Schalke. Also besser mal nicht direkt zu erkennen geben. Ich war halt einfach eine Mumie, die sich für Fußball interessierte. 

Offenbar war ich aber etwas spät dran. In der oberen Etage, in der das Spiel auf einer Leinwand gezeigt werden sollte, war kein einziger Platz mehr frei. Also musste ich mir einen Stuhl von unten besorgen, den ich dann einfach mitten im Raum abstellte: Perfekter Blick auf das Spiel, keine Beschwerden, kann so bleiben. Noch schnell ein Kölsch gekauft, und dann konnte es auch schon losgehen.

Bei meinem nächsten Blick auf die Leinwand lief noch immer Werbung. Moment: Wieso hänge ich hier wie so’n Schluck Wasser in der Kurve? Schräg hinter mir Getuschel: Pssst, guck mal, die Mumie ist wieder wach… Hm, da hatte ich wohl ein Nickerchen gemacht. War vielleicht nicht die beste Idee, sich dafür genau in die Mitte des Raumes zu setzen. Ein kurzer Blick nach unten zeigte, dass ich wenigstens mein Bier 45 Minuten lang gut festgehalten hatte. Ich nahm, soweit bei Kölsch möglich, einen großen Schluck und versuchte im Rahmen meiner Möglichkeiten souverän zu wirken. Irgendwie wollte ich aber doch wissen, was bisher auf dem Spielfeld passiert war. Eine kurze Anfrage am Tisch rechts nebenan sollte für Klärung sorgen: „Was hab‘ ich ’n verpasst?“ – „Nix, 1:0 für Schalke!“ Ich wandte mich ab und grinste in mein Bier.

Nachdem die zweite  Halbzeit angepfiffen war, sah ich es dann auch „schwarz auf weiß“: Joel Matip hatte die Königsblauen quasi mit dem Pausenpfiff in Führung gebracht. Den Rest des Spiels verbrachte ich mit den Bemühungen, bloß nicht wieder einzuschlafen, hielt mich am Bier fest und nahm hin und wieder einen Schluck. Auf offensichtliches Mitfiebern verzichtete ich, um unnötigem Theater zu entgehen, bis Jefferson Farfán ein paar Minuten vor Schluss den Sack zu machte. Da platzte es dann doch ein wenig aus mir heraus, was  mit ein paar genervten Sprüchen quittiert wurde, aber ohne schlimmere Konsequenzen blieb. Vermutlich schwang da auch ein bisschen Mitleid gegenüber der kaputten Mumie mit. Glück gehabt.

Nach dem Spiel ging es für mich wieder auf Wanderschaft durch die Altstadt. Tatsächlich lief der Rückweg um einiges unproblematischer und ich fand meine Freunde in genau dem Laden vor, aus dem ich mich zwei Stunden vorher aus dem Staub gemacht hatte. Mit drei Punkten im Gepäck und ohne was auf’s Maul bekommen zu haben.

  1. Mich wundert es gerade sehr, dass dieser Artikel nun schon so lange online steht, ohne berechtigte Kommentare aufgebrachter Kölner hervorzubringen. Vermutlich hat ihn einfach niemand gelesen. Tatsächlich fand das Gastspiel des FC Köln auf Schalke kurz vor Ende der Saison statt, da in der Saison 97/98 zum Schluss der Spielzeit noch einige Nachholspiele zu absolvieren waren. Faktisch war es also der 27. Spieltag, praktisch allerdings bereits der 33. Daran habe ich mich schlicht nicht mehr erinnern können, zudem wurde es mir aus den Aufzeichnungen, die ich vorerst zu Rate zog, nicht deutlich.

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Raunen, Grummeln, Gelb und Rot

Samstag auf dem Weg zum Spiel legten wir einen kurzen Zwischenstopp am Parkgrill ein. Ich hatte Lust auf ein kühles Bier, Holgi, ganz der Fahrer, bestellte sich nur ’ne Bratwurst im Brötchen. Für aufe Hand. Beides. Auf ewige Anstellerei später im Stadion hatte ich aber auch keinen Bock, also blieb es bei diesem Fläschchen. Man muss dem Fahrer ja auch nicht unbedingt einen vorsaufen, vor allem, wenn man nur auf seine Einladung dabei ist.

Also ab zum Stadion geflitzt und in die Einlassschlange einsortiert. Da blieb noch genug Zeit, sich dem Bier zu widmen. Das Wegbier ist zwar popkulturelle Corporate Identity, aber ich bin echt der weltschlechteste Imgehentrinker. Schaumschaumschaum. Kleckerschlabbersiffundtropf. Überall Bier, nur nicht in mir drin.

Einlassschlange, also. Noch kurz vom Sicherheitspersonal befummeln lassen („Mütze runter!“) und ab auf unsere Plätze, schließlich war es schon kurz vor Anpfiff. Obwohl ich vor dem Spiel ja nur ein Bier hatte, trieb der Kaffee vom Vormittag mich nach 27 gespielten Minuten runter von meinem Sitz. „Wenn ich jetzt pinkeln gehe, fällt bestimmt das Tor“ ließ ich Holgi wissen, und machte mich auf den Weg.

Muss man während Fußballspielen den Ort des Geschehens verlassen, ist man natürlich sehr auf sein Gehör angewiesen. Jedes Anschwellen der Geräuschkulisse will eingeordnet, jedes Grummeln bewertet werden. Foul, gelbe Karte, rote Karte Torchance, Gegentor? Raunen. RAUNEN.

TOOOOOOOOOOOOOR!

Plötzlich waren rechts und links von mir Typen, die jeder für sich völlig davon überzeugt waren, dass immer wenn sie zur Toilette gehen, ein Tor fällt. Immer. Wirklich! To-tal verrückt. So viele Menschen wird es ja nicht geben, die Tore pinkeln können, und nun waren wir alle zeitgleich auf dieser sanitären Anlage versammelt. Der Zentralrat der Torurinierer. Die nächste Sensation ließ allerdings nicht lange auf sich warten, als einer der Herren mitteilte, seine Fähigkeit gehe sogar noch weiter: In der ersten Halbzeit macht er zwar die Tore, in Halbzeit Zwei kann er allerdings nur Gegentore pinkeln. Junge, Junge. Mit großer Macht geht große Verantwortung einher!

Sprachlos suchte ich meinen Platz in der Nordkurve auf und fragte mich gegen Ende des Spiel, wer wohl den Aussetzer vom Hunter erpinkelt hat.

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