Clemens und der Veganerhäuptling

Seit Ewigkeiten hast du keinen guten Abend mehr gehabt. Ständig nur allein zuhause von der Glotze, in der natürlich auch nur irgendein Scheiß lief. Immer ging es auf halbem Weg zwischen frustriert und deprimiert ins Bett. Alle Versuche, mal jemanden zu einem Kneipenabend zu bewegen, liefen ins Leere. Keine Zeit, keine Lust, undsoweiterundsofort.

Gerade droht die Laune auf dem Tiefpunkt aufzuschlagen, da schreibt jemand in der großen Whatsappfreundeskreisgruppe (Mailinglist, für die Älteren. Oder Telefonkette.), ob nicht jemand Lust auf ein Freitagabendbierchen in der Kneipe hat. Da! Da! Nicht zu fassen! Ein Licht am Ende dieser mal wieder tristen Woche!

„Hier! Ich! Bin dabei! Wann? Wo?“

Okay, das kam nun vielleicht ETWAS zu schnell und EIN BISSCHEN zu verzweifelt rüber. Und vielleicht auch zu wenig durchdacht: Mit dem Typen, der da so einladend schrieb, hast du ungefähr so viel gemein wie der Vorsitzende vom Veganerweltverband mit Clemens Tönnies: Ihr mögt zwar beide Tiere, verfolgt allerdings einen leicht divergierenden Ansatz. Das könnte ein zäher Abend werden, aber Absagen gilt nicht, zumal die Woche ja überhaupt nicht mehr schlimmer werden kann und vielleicht (BESTIMMT!) ja noch jemand anders zusagt.

Aus bestimmt wird vielleicht wird bestimmt nicht. Klar. Keine Zeit, keine Lust, undsoweiterundsofort. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben sie ein Haus gebaut. Und sie kommen da wahrscheinlich nie mehr raus. Aber alles ist besser, als Freitagabend schon wieder zuhause vorm Fernseher zu hängen. Schließlich haben selbst die Menschen von Netflix schon angerufen um zu fragen, ob du nicht mal wieder vor die Tür gehen willst.

Der Abend wird dann wie erwartet: Selbst hast du wenig zu erzählen. Arbeit? Wie immer. Frauen? Haha! Serien? Nicht sein Ding. Musik? Eigentlich alles. Geh weg! Also hörst du dir an, wie sehr Deutschland am Ende ist, lässt dir von den glorreichen Erfolgen des FC Bayern berichten und kannst derweil den Blick nicht vom Eingang abwenden, weil du inständig hoffst, dass doch noch überraschend jemand Bekanntes auftaucht. Wenigstens hast du, als du dich nach ein paar Stunden entschuldigend aus dem Staub machst (Muss morgen unheimlich früh raus, Termine, diesdas…), ein ansehnliches Bierdeckelmuster zu begleichen. Immerhin.

Ein bisschen so war die letzte Saison mit Schalke 04. Woche für Woche.

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Medizinschreck

Während die Profimannschaft in Teilen im Trainingslager verweilt, sind die Transfertätigkeiten der Schalker in den Schlagzeilen. Fiel zuerst der auf Schalke nicht mehr benötigte Felipe Santana durch den Medizincheck beim FC Köln, gelang selbiges nun auch dem freigestellten Sidney Sam in Frankfurt.

Inwiefern sich daraus ein Imageschaden (der nächste) für Schalke 04 ergibt, darüber kann man sicherlich trefflich streiten. Im Fall „Santana“ liegt bei Schalke in erster Linie ein finanzieller Schaden, der Imageschaden liegt hauptsächlich beim Spieler. Schalke geht die Ablösesumme durch die Lappen und Schalke muss weiter Gehalt für den Spieler zahlen, den man eigentlich nicht mehr benötigt. Der Spieler allerdings steht natürlich nun als ein Profisportler da, der entweder so unbewusst mit seinem Körper umgeht, dass ihm ein Faserriss entgeht, oder als ein Spieler, der für den Profibereich einfach nicht die nötige Ernsthaftigkeit mitbringt. Schlecht für ihn. Sehr schlecht.

Bei Sam liegt die Sache noch ein bisschen anders. Man weiß nicht genau, was ihm fehlt, ob er selbst was bemerkt hat oder überhaupt bemerken konnte. Es gibt keine (uns bekannte) Diagnose1, keine Ursache, kein Auslöser. Alles Spekulationen. Allerdings ist der Schritt des Vereins, diese spärlichen Informationen zu veröffentlichen, bemerkenswert. Vielleicht wollte man direkt klar stellen, nicht innerhalb weniger Tage einen weiteren offensichtlich verletzten Spieler zum Medizincheck bei einem anderen Verein geschickt zu haben. Vielleicht wollte der Spieler auch nicht als jemand da stehen, der so wenig Profi ist, verletzt zu einer solchen Untersuchung zu erscheinen. Wie gesagt: Er muss ja nicht einmal gewusst haben, was ihm fehlt, dass ihm etwas fehlt.

Vermutlich kann man dem FC Schalke den Vorwurf machen, die Spieler vor den jeweiligen Checks nicht selbst noch mal einer Untersuchung unterzogen zu haben. Ob das bei anderen Vereinen üblich ist? Keine Ahnung. Bei Spielern, die verliehen waren oder suspendiert sind, wäre dies aber vermutlich doppelt ratsam. Ob andere Vereine in diesen Fällen so handeln? Keine Ahnung. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Praxis auf Schalke in Zukunft überdacht wird.

  1. Natürlich ist zu hoffen, dass die Diagnose schnell kommt, nicht sonderlich schlimm ist und Sidney Sam schnellstmögliche Genesung findet.

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Diese Sache mit Khedira

Es herrscht ja bei Schalkeanhängern gerne mal ein ziemliches Spannungsfeld: Einerseits muss man immer über alles, was im Verein passiert unverzüglich bis ins kleinste Detail informiert sein – besonders was Personalfragen angeht – andererseits mag man es überhaupt nicht sehen, wenn der Verein sich teils öffentlich sichtbar um Personal bemüht, welches dann nicht zu einer Anstellung überzeugt werden kann.

Bei Sami Khedira hatte Horst Heldt mehrfach öffentlich angedeutet, dass man sich eingehend mit dem Spieler befasse, zuletzt aber betont, ohne eine Trainerverpflichtung für die neue Saison in dieser Sache keine Entscheidung treffen zu wollen. Die Logik dahinter mag zwar nicht von der Hand zu weisen sein, jedoch sollte man sich schon fragen, wie sinnvoll diese Ausrichtung der Einkaufspolitik als FC Schalke 04 ist, der seine Trainer öfter wechselt, als die Irrlichtgestalt Beckenbauer ihre Meinung. Es ist eben eine Frage der Philosophie. Und das ist auf Schalke so eine Sache.

Ein kleiner Schlenker, aber der musste sein. Zurück zu Sami Khedira. Die Gespräche zwischen ihm und Schalke, so lässt er es in etwa verlautbaren, seien gut gewesen und durchaus weit fortgeschritten. Auch mit Di Matteo habe er sich positiv ausgetauscht. Dann wurde es auf Schalke zunehmend unruhiger und der Trainer musste gehen. Von diesem Zeitpunkt, so Khedira, sei ihm klar gewesen, dass er woanders hingehen müsse.

Eine Argumentation, die man bei einem Spieler, der in Deutschland tendenziell unterschätzt wird, durchaus nachvollziehen kann. Man denke nur an die Einschätzungen diverser Experten, Khedira sein sowieso dauerverletzt und bereits in einer Art Vorruhestand. Da will man als Spieler ganz gewiss wissen, mit welchem Trainer man es zu tun hat. Das ist ja immer auch eine Sache des Vertrauens.

Ebenso nachvollziehbar sind natürlich die reflexartigen Ausführungen vieler Schalker, seine Argumente seien albern und die Verpflichtung nur an zu hohen Gehaltsforderungen gescheitert. Wobei das natürlich schon ein bisschen komisch ist, hört man doch allenthalben, Schalke zahle den meisten Spielern ganz automatisch viel zu viel Gehalt. Aber geschenkt.

Was nun wirklich stimmt, werden wir nicht herausfinden können, jedoch sind Khediras Aussagen, auch weil sie einfach sehr plausibel erscheinen, ein fetter Warnschuss für Schalke. Spieler von dieser Klasse haben es schlicht nicht mehr nötig, sich einem solchen Theater mit Minimum einem Trainerwechsel und drei Fanprotesten pro Saison auszusetzen. Aber auch Spieler eines geringeren Kalibers werden dies sehr aufmerksam aufgenommen haben. Die werden sich unter Umständen auch fragen, zu welchem Gehalt man sich das noch antut, wenn man zum Beispiel in Leverkusenwolfsburggladbach für mehr oder weniger gleiches Gehalt ganz in Ruhe arbeiten kann.

Bleibt das aktuelle Steckenpferd der Schalker: Die Jugendabteilung. Klar ist es derzeit für viele junge Talente sicher verlockend in der Schalker Jugend zu spielen, aber mit der Aussicht auf chaotische erste Profijahre mit zahlreichen Trainer- und Spielphilosophiewechseln und einer dadurch gebremsten Entwicklung könnten Entscheidungen dort in Zukunft auch anders ausfallen.

Es muss also endlich wieder Ruhe einkehren. Gerne auch mal für mehr als ein halbes Jahr. Vielleicht ist mit der Verpflichtung André Breitenreiters ein erster Schritt getan. Ich wünsche es ihm. Und uns.

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Die letzte Kugel

LdfsSTEtwas mehr als zwei Jahre ist es her, da hatte ich diese Liste hier im Blog. Die Saison neigte sich dem Ende entgegen und es war im Grunde so gut wie klar, dass Schalke nicht mit Jens Keller in die darauffolgende Saison gehen würde. Viele Namen kursierten in den Medien und Armin Veh war sogar bereits auf der Autobahn. Schon damals schwankten die Möglichkeiten zwischen internationalem Renommee, Trainerneuling mit großem Namen, Kumpel vom Manager & Altschalker.

Man blieb vorerst bei Keller, suchte sich 15 Monate später dann doch jemanden mit vermeintlichem internationalen Standing und steht weitere sieben Monate später einfach mal wieder ohne Trainer da.

Nur diese Mal steht Horst Heldt vor einer etwas anderen Frage: Wie rettet er sich selbst? Holt er Kompetenz, oder betreibt er Fanservice? Wovor hat er mehr Angst? Vor schlechten Ergebnissen, oder vor beleidigten Fans? Immerhin scheint dies nun wirklich seine letzte Chance zu sein.

Der leichteste Weg wäre vermutlich, einen ehemaligen Schalke-Spieler wie Wilmots oder Büskens zu installieren. Die schnell mal beleidigten Fans wären vorerst versöhnt. Wilmots hat zwar kaum Erfahrung in der Bundesliga und Büskens war bislang nicht sonderlich erfolgreich, aber nun soll es vorrangig ja sowieso um die Art des gespielten Fußballs gehen. Auf gute Ergebnisse kann man dann noch immer hoffen.

Oder Heldt setzt auf Erfahrung. Da wäre Thomas Schaaf ein Kandidat. Der kennt sich aus in der Bundesliga und hat auf nationaler Ebene auch schon mal einen Titel gewonnen. Schaaf ist allerdings außerhalb des Platzes nicht so irre unterhaltsam. Oft konnte man zu Jens Kellers Zeiten unter Fans und Journalisten ja heraushören, man hätte lieber einen Typen wie Klopp, der eine Pressekonferenz zur One-Man-Show macht und auch sonst ein cooler Entertainer ist. War Keller nicht, wird Schaaf nicht mehr werden.

Die perfekte Lösung gibt es vermutlich nicht. Ein Trainer, der viel Bundesliga-Erfahrung hat, schalkigen Fußball – im neuen, positiven Sinne – spielen lässt, eine Vergangenheit auf Schalke vorzuweisen hat und der nebenher ein großer Spaßmacher ist, muss noch erfunden werden.

Was also macht man mit seiner letzten Kugel im Revolver? Vielleicht einfach was komplett anderes.

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Vorhang auf: Spektakel!

Eines ist nach der Derbyberichterstattung klarer denn je geworden: Die Medien lechzen nach Showelementen, mehr als nach dem eigentlichen Spiel selbst. Sogar die offizielle Website der Liga erging sich in Jubelarien über „Batman & Robin“ und bebilderte schlicht alles mit Schnappschüssen von beiden. Klar, die Dortmunder feiern ihre Clowns und stellen jeden als Spaßbremse hin, der Kritik an dieser Marketingmasche übt.
Nun kann man darüber diskutieren, inwiefern ein solcher vorbereiteter Torjubel im Unsportlichen einzuordnen ist, oder man nimmt es als irre lustig und total kreativ hin. Dann könnte man aber mal anfangen, eine damit einhergehende und im Fußball inhärente Ungerechtigkeit diskutieren: Offensivspielern wird es viel leichter gemacht, sich selbst als Marke zu positionieren. Sie schießen die Tore. Nach Toren wird unterbrochen. Nach Toren ist Zeit für Marketing.
Defensivspieler machen die Drecksarbeit, machen die folgenreichen Fehler, und stehen dann wie begossene Pudel im Regen. (In solchen Momenten gibt es ja immer einen Regenguss.) Retten sie in letzter Sekunde geht es entweder ohne Unterbrechung oder mit der nächsten Ecke weiter. Es bleibt brenzlig. Keine Zeit, außersportliches Marketing zu betreiben.
Unfair, oder?
Nachdem nun also die Einführung der Torlinientechnik in den Sport beschlossene Sache ist, scheint der Schritt zum Videoschiedsrichter nicht mehr weit. Weitere Spielunterbrechungen sind also die Zukunft des Sports. Da könnte man sicherlich zusätzlich noch ein paar Zeitfenster für Torhüter und Abwehrspieler freischaffen, welche für Marketingzwecke genutzt werden dürfen.
Man stelle sich das nur mal vor: Yann Sommer kratzt einen Calhanoglu-Freistoß aus dem Winkel, der Schiedsrichter unterbricht das Spiel, Sommer flitzt hinter die Bande und kommt mit spitzem, grauem Hut und Stock hervor: DU – KOMMST NICHT – VORBEI!
Oder: Heiko Westermann. Der hat ja definitiv gewaltiges Starpotential, nur bekommt er nie genügend Zeit, sich auch marketingwirksam zu positionieren. Nehmen wir also an, er schafft es, Arjen Robben den Ball im letzten Moment zur Ecke abzugrätschen. Während wir nun alle auf die Ausführung des Eckstoßes warten und Arjen Robben zur Landung ansetzt, kann HW4 sich eine Raumpflegeruniform überwerfen, mit einem Wischmop bewaffnen und andeuten, dass einzig und allein er den Laden sauber hält: HW4 – Der Saubermann.

Ich bin dafür. Mehr Spektakel! Es wäre wirklich nur fair.

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Arbeitstitel: Alaaf!

Bei uns in Schwelm herrscht seit Ewigkeiten die Eigenart, nicht am Rosenmontag sondern dem Sonntag vorher in Massen zum Karneval nach Köln zu fahren. An diesem Tag finden die Schull- & Veedelszöch statt. Es ist also ordentlich was los, aber nicht so überfüllt wie am Rosenmontag. Vermutlich war der Sonntag deshalb bei uns so beliebt. Als ich das erste Mal — vermutlich mit 16 oder 17 Jahren — an diesem Tag dabei war, konnte ich es gar nicht fassen, welche Menschenmassen sich in unserer kleinen Stadt schon früh am Bahnhof einfanden.

In den folgenden Jahren war ich dann zwar nicht in jedem Jahr, aber doch recht oft dabei, wenn es an eben diesem einen Sonntag in Richtung Domstadt ging. Das waren eigentlich immer tolle Touren mit übler Musik, lecker Kölsch und dem ein oder anderen Ausfall. Ich kann mich zum Beispiel noch sehr gut daran erinnern, dass mein Freund R. einmal meinte, es wäre eine gute Idee, auf der Rückfahrt die Notbremse vom Regionalexpress zu ziehen.

„Traust du dich nicht!“ – „Doch! Klar!“ – „Nee, auf gar keinen Fall.“ Rumms. Quiiiiieetsch. Und ein triumphierender Blick. Nach einem langen anstrengenden Tag wollten wir alle ja auch nicht einfach nur noch nach Hause. Da kann man noch locker irgendwo in einem notgebremsten Zug in der Pampa rumstehen. Dann tauchte der Schaffner auf. R.: „Ich war dat. Wat wollense  jetzt machen? Mich rauswerfen?“ Den Schaffner hat dieses Geständnis allerdings herzlich wenig beeindruckt. Vermutlich hielt er ihn nur für einen besoffenen Spinner, der sich wichtig machen wollte. Stimmte nur zur Hälfte.

In einem anderen Jahr hatte sich D. — verkleidet als Obi-Biber — etwas zu viel zugemutet und wurde, als gerade keiner von uns so richtig aufpasste, von einer Freundin  in die Hände von Sanitätern übergeben, welche ihn dann in ein Krankenhaus abtransportierten. Auf unsere Frage, in welchem Krankenhaus wir ihn wieder abholen könnten, hatte sie aber keine Antwort. Offenbar hatte sie nicht bedacht, dass wir uns nicht mehr auf dem Dorf befinden und Köln durchaus mehr als ein Krankenhaus hat. Das Problem erübrigte sich aber dann aber, als er mit einem Kölsch in der Hand plötzlich wieder im Brauhaus stand. Den Krankenhausaufenthalt hatte er wohl genutzt, um sich ein bisschen auszuschlafen und dann Langeweile bekommen.

Aber auch andere Dinge können an einem solchen Tag für Probleme sorgen. Zwei oder dreimal kollidierte der Termin mit einem Spiel des glorreichen FC Schalke 04. Sonntags gibt es zwar keine konkurrierenden Parallelspiele, trotzdem muss man ja erstmal eine Kneipe in Köln finden, die im Karnevalstrubel bereit ist, ein Fußballspiel zu zeigen. Und im besten Fall noch einen oder zwei Mitstreiter. Sich alleine in eine Kneipe zu setzen, ist nämlich eher nicht so der Knaller. Also, finde ich.  Die Suche nach Begleitern hängt dann natürlich auch von der Uhrzeit ab. Findet das Spiel erst gegen Abend statt, haben sich vermutlich schon alle potenziellen Kandidaten aus dem Staub gemacht.

So konnte ich mich 2008 glücklich schätzen, zumindest von A. auf Kneipensuche begleitet zu werden. Schalke sollte an diesem Tag den VfB Stuttgart empfangen, der uns in der Vorsaison im Rennen um Platz 1 noch kurz vor Schluss den Rang ablaufen konnte. Dieses Duell wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. So sahen wir, schon recht angeschlagen zwischen Kopf-auf-dem-Tresen und Irrwegen auf Toilettensuche, wie Kevin Kuranyi & Heiko Westermann den VfB erledigten. Dann der Knaller: Wintertransfer Ze Roberto II. betritt in der 90. Minute das Spielfeld und sorgt in der Nachspielzeit prompt für den 4:1 Schlusspunkt. An dem werden wir noch viel Spaß haben, war ich mir sicher. 

Zwei Jahre später sollte es wieder nach Köln gehen. Es war Sonntag, der 14.2.2010. Schon Wochen vorher hatte ich damit begonnen, Packung um Packung Mullbinden mit schwarzem Tee einzufärben und eine Hose und einen Pullover damit zu bekleben, um einen ordentlichen Mumienlook zu bekommen. Ziemliche Fummelei, aber Sonntag morgens war ich dann komplett vermummt und durchaus zufrieden mit dem Ergebnis. Schön wäre halt noch gewesen, wenn mein Kostüm die Zugfahrt unbeschadet überstanden hätte, aber in Köln am Bahnhof angekommen, sah ich doch schon relativ zerfleddert aus. Aber macht ja nichts. Eine soeben ausgebuddelte Mumie ist ja auch nicht mehr taufrisch.

So sollte die Verkleidung die nächsten vier bis fünf Stunden dann auch relativ unbeschadet überstehen. Irgendwann so gegen 15 Uhr war es dann an der Zeit, Mitstreiter und eine Kneipe zum Fußballschauen zu suchen. Schließlich empfing Schalke an diesem Tag den FC, und da war es nur gerecht, dass Köln mich zu beherbergen hatte. Mit den Mitstreitern war es aber so ein Problem. Mein Bruder war an diesem Tag gar nicht mitgefahren. R. war schon wieder auf dem Weg nach Hause, vermutlich, weil seine Freundin ihn mal wieder evakuieren musste. Wobei: 2010 kann auch das eine Jahr gewesen sein, in dem es mal umgekehrt war, aber wer erinnert sich schon immer hundertprozentig? Blieb nur A.. Bei dem half jegliches Generve aber auch irgendwie nicht.

Also alleine los. Draußen war es schweinekalt und mein Mumienkostüm war alles andere als wintertauglich. So wankte ich, vor Kälte zitternd, auf der Suche nach einem verheißenden Pay-TV-Schild, durch die Kölner Altstadt, doch es schien aussichtslos. So richtig ortskundig war ich ja auch nicht. Schön bescheuert eigentlich, sich dann im Karnevalstrubel auch von der Gruppe zu entfernen, aber egal. Ich war trotzig, mir war kalt, ich wollte das Spiel sehen.

Plötzlich sah ich in fünfzig Meter Entfernung am Ende eines Platzes einen Streifenwagen samt daneben stehendem Polizisten. Ah, der Freund & Helfer dachte ich, und hielt auf den Mann zu. „Können sie mir sagen, wo ich hier Fußball gucken kann?“ Der Beamte schaute mich an, als hätte ich ihn gerade um Aushändigung seiner Plempe gebeten. „Oh kacke, jetzt wandere ich in den Bau!“ Eigentlich hatte ich sowohl beim Fußball, als auch bei anderen Veranstaltungen bisher nur mit sehr hilfsbereiten Polizisten zu tun, aber so wie der Herr gerade guckte, konnte das nicht gut für mich ausgehen.

Nun grinste er und zeigte über seine Schulter auf das Haus, das keine drei Meter von uns entfernt stand: „Junge, jetzt aber bitte nicht mehr ganz so viel Bier…“ Nicht nur, dass der bekannte Pay-TV-Schriftzug an der Hauswand zu finden war, nein, auch eine recht große Tafel wies auf die Übertragung des Nachmittagsspiels hin. Nun gut, das war jetzt ein bisschen peinlich, aber schön, wenn einem die Polizei helfen kann. Ich bedankte mich artig und suchte den Weg ins Innere der Gaststätte.

Drinnen hieß es, erst einmal die Lage zu sondieren. Schließlich war dort ja Feindesland. Im kollektiven Gedächtnis der Kölner war es schließlich kein geringerer, als der Schalker Oliver Held, der die Kölner 1998 mit seinem Handspiel im Strafraum in den Abgrund gestoßen, und ihn so schlussendlich zur Fahrstuhlmannschaft gemacht hatte. Das ist zwar, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit — Köln stand nach diesem 27. Spieltag auf Platz 12 und verlor in der Schlussphase der Saison noch gegen den KSC, Werder Bremen, 1860 München & Arminia Bielefeld — aber so lautet eben der Mythos des ersten Bundesligaabstiegs des 1. FC Köln: Oliver Held. Und Schalke. Also besser mal nicht direkt zu erkennen geben. Ich war halt einfach eine Mumie, die sich für Fußball interessierte. 

Offenbar war ich aber etwas spät dran. In der oberen Etage, in der das Spiel auf einer Leinwand gezeigt werden sollte, war kein einziger Platz mehr frei. Also musste ich mir einen Stuhl von unten besorgen, den ich dann einfach mitten im Raum abstellte: Perfekter Blick auf das Spiel, keine Beschwerden, kann so bleiben. Noch schnell ein Kölsch gekauft, und dann konnte es auch schon losgehen.

Bei meinem nächsten Blick auf die Leinwand lief noch immer Werbung. Moment: Wieso hänge ich hier wie so’n Schluck Wasser in der Kurve? Schräg hinter mir Getuschel: Pssst, guck mal, die Mumie ist wieder wach… Hm, da hatte ich wohl ein Nickerchen gemacht. War vielleicht nicht die beste Idee, sich dafür genau in die Mitte des Raumes zu setzen. Ein kurzer Blick nach unten zeigte, dass ich wenigstens mein Bier 45 Minuten lang gut festgehalten hatte. Ich nahm, soweit bei Kölsch möglich, einen großen Schluck und versuchte im Rahmen meiner Möglichkeiten souverän zu wirken. Irgendwie wollte ich aber doch wissen, was bisher auf dem Spielfeld passiert war. Eine kurze Anfrage am Tisch rechts nebenan sollte für Klärung sorgen: „Was hab‘ ich ‚n verpasst?“ – „Nix, 1:0 für Schalke!“ Ich wandte mich ab und grinste in mein Bier.

Nachdem die zweite  Halbzeit angepfiffen war, sah ich es dann auch „schwarz auf weiß“: Joel Matip hatte die Königsblauen quasi mit dem Pausenpfiff in Führung gebracht. Den Rest des Spiels verbrachte ich mit den Bemühungen, bloß nicht wieder einzuschlafen, hielt mich am Bier fest und nahm hin und wieder einen Schluck. Auf offensichtliches Mitfiebern verzichtete ich, um unnötigem Theater zu entgehen, bis Jefferson Farfán ein paar Minuten vor Schluss den Sack zu machte. Da platzte es dann doch ein wenig aus mir heraus, was  mit ein paar genervten Sprüchen quittiert wurde, aber ohne schlimmere Konsequenzen blieb. Vermutlich schwang da auch ein bisschen Mitleid gegenüber der kaputten Mumie mit. Glück gehabt.

Nach dem Spiel ging es für mich wieder auf Wanderschaft durch die Altstadt. Tatsächlich lief der Rückweg um einiges unproblematischer und ich fand meine Freunde in genau dem Laden vor, aus dem ich mich zwei Stunden vorher aus dem Staub gemacht hatte. Mit drei Punkten im Gepäck und ohne was auf’s Maul bekommen zu haben.

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Raunen, Grummeln, Gelb und Rot

Samstag auf dem Weg zum Spiel legten wir einen kurzen Zwischenstopp am Parkgrill ein. Ich hatte Lust auf ein kühles Bier, Holgi, ganz der Fahrer, bestellte sich nur ‚ne Bratwurst im Brötchen. Für aufe Hand. Beides. Auf ewige Anstellerei später im Stadion hatte ich aber auch keinen Bock, also blieb es bei diesem Fläschchen. Man muss dem Fahrer ja auch nicht unbedingt einen vorsaufen, vor allem, wenn man nur auf seine Einladung dabei ist.

Also ab zum Stadion geflitzt und in die Einlassschlange einsortiert. Da blieb noch genug Zeit, sich dem Bier zu widmen. Das Wegbier ist zwar popkulturelle Corporate Identity, aber ich bin echt der weltschlechteste Imgehentrinker. Schaumschaumschaum. Kleckerschlabbersiffundtropf. Überall Bier, nur nicht in mir drin.

Einlassschlange, also. Noch kurz vom Sicherheitspersonal befummeln lassen („Mütze runter!“) und ab auf unsere Plätze, schließlich war es schon kurz vor Anpfiff. Obwohl ich vor dem Spiel ja nur ein Bier hatte, trieb der Kaffee vom Vormittag mich nach 27 gespielten Minuten runter von meinem Sitz. „Wenn ich jetzt pinkeln gehe, fällt bestimmt das Tor“ ließ ich Holgi wissen, und machte mich auf den Weg.

Muss man während Fußballspielen den Ort des Geschehens verlassen, ist man natürlich sehr auf sein Gehör angewiesen. Jedes Anschwellen der Geräuschkulisse will eingeordnet, jedes Grummeln bewertet werden. Foul, gelbe Karte, rote Karte Torchance, Gegentor? Raunen. RAUNEN.

TOOOOOOOOOOOOOR!

Plötzlich waren rechts und links von mir Typen, die jeder für sich völlig davon überzeugt waren, dass immer wenn sie zur Toilette gehen, ein Tor fällt. Immer. Wirklich! To-tal verrückt. So viele Menschen wird es ja nicht geben, die Tore pinkeln können, und nun waren wir alle zeitgleich auf dieser sanitären Anlage versammelt. Der Zentralrat der Torurinierer. Die nächste Sensation ließ allerdings nicht lange auf sich warten, als einer der Herren mitteilte, seine Fähigkeit gehe sogar noch weiter: In der ersten Halbzeit macht er zwar die Tore, in Halbzeit Zwei kann er allerdings nur Gegentore pinkeln. Junge, Junge. Mit großer Macht geht große Verantwortung einher!

Sprachlos suchte ich meinen Platz in der Nordkurve auf und fragte mich gegen Ende des Spiel, wer wohl den Aussetzer vom Hunter erpinkelt hat.

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Wenigstens kämpfen

Die hätten ja wenigstens mal kämpfen können!

Ein Satz, den man ständig nach Niederlagen hört.

 

Naja, wenigstens haben sie gekämpft…

Ein Satz, den man ungefähr nie nach Niederlagen hört. Offenbar ein Fall für Mulder & Scully.

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Hand!

Lange haben wir auf diesen Moment gewartet, plötzlich war er da: Jahre nach Einführung des Tor-Schiedsrichters hat dieser deutlich den Beweis seiner Notwendigkeit gebracht. Denn man muss sich schon fragen, wer in dieser Situation zum Einen so einen guten Blick auf die Szene samt Vergehen gehabt und zum Anderen zu dieser fortgeschrittenen Zeit noch eine derart weitreichende Entscheidung getroffen hätte. Klar, in der Kneipe vor der Leinwand war ich der Erste, der laut auf Handspiel reklamierte, was natürlich eher ein Verdacht, mehr Hoffnung und die Angst vor dem nächsten Remis, denn Sachverstand war. In der ersten Halbzeit hatte ich schließlich auch lediglich Glück, als mein empörter Ausruf „DER HAT SCHON GELB!!!“ ausnahmsweise mal der Wahrheit entsprach.
Der Schiedsrichter hatte das Vergehen im Strafraum also offensichtlich nicht sehen können, der Linienrichter vermutlich schon. Vielleicht hatte er einfach nicht den Mut, eine Entscheidung zu treffen. Da darf man von UEFA-Referees wirklich mehr erwarten. Nur gut, dass das Team vor einigen Jahre sinnvoll erweitert wurde. Die Torlinientechnik kann solche Situationen übrigens nicht meistern…

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Eine neue Ära

Am Samstag ist es endlichendlichendlich so weit. Trainerentlassungen in der Länderspielpause haben ja den offenkundigen Nachteil, die Ungeduld ins Unermessliche zu steigern. Wird es einen Effekt bei der Mannschaft geben? Setzt der neue Mann nun mal auf die Jugend? Dürfen endlich die erfahrenen Kräfte ran? Wird es eine gute Mischung geben? Aber doch bitte kein Antifußball, ja? Gut, hinten komplett offen sollte man aber auch nicht sein. Viel Ballkontrolle wäre vielleicht nicht schlecht. Und blitzschnelles Konterspiel. Aber bloß nicht einfach ins Verderben laufen, wie sonst, ne? Einfach so ein glasklares Konzept, wie es nur ein charismatischer Coach im feinen Zwirn auf die Taktiktafel und das Spielfeld bringt. Moment mal: Feiner Zwirn? Wohl kaum. Auf Schalke hat man im Ballonseidenen an der Linie zu stehen! Wird man ja wohl noch sagen dürfen. Dann klappt das auch mit dem defensiv starken, ballbesitzorientieren, hoch gegenpressenden, abkippenden, explosionsartigen Konterspiel. Ganz sicher.

Auf Schalke riecht es nach dem Beginn einer neuen Ära. Große Zeiten brechen an. Schön, dass ausgerechnet die Freunde der Berliner Hertha zum Einläuten zu Gast sind.

(Vielleicht sehen wir ja sogar Busfahrer & Zeugwart im Einsatz…)

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