Videobeweis?

Nachdem ich vorgestern noch via Twitter die Aussage traf, Christian Dingerts Aussagen zum angeblichen Videobeweis klängen ein wenig zu perfekt, also zurechtgelegt, bin ich nun nach längerem Grübeln zu einem anderen Schluss gekommen. Vorweg: Draxler stand natürlich im Abseits, weswegen das Tor zurecht nicht gegeben werden durfte.

Es war eine etwas unübersichtliche Situation, in der Leon Goretzka den Ball im Strafraum zu Julian Draxler spitzelte. Wenn der Assistent zwar erkennt, dass Draxler im Abseits steht, aber nicht sieht, von wem der Ball kommt, dann handelt er doch völlig richtig, indem er die Fahne schön unten lässt um die Szene, falls nötig, nachher mit dem Referee aufzulösen. Hebt er die Fahne, sorgt er damit doch auf dem Platz für Verunsicherung. Sieht beispielsweise der Schiedsrichter die Spielsituation anders und lässt trotzdem weiterspielen, ist das Theater nachher groß, wenn ein Tor fällt.

So hatten nun Schiedsrichter und Assistent die Möglichkeit, ihre beiden Sichtweisen zu einer kompletten Szene zusammenzusetzen. Der Linienrichter hat gesehen, dass Draxler Abseits stand, wofür man beim besten Willen keinen Videobeweis benötigte. Der Schiedsrichter wusste, ob ein Schalker oder ein Frankfurter den Ball gespielt hat, was bei einer normalen Wiederholung aus großer Entfernung selbst auf dem Videowürfel wohl kaum erkennbar war.

Wieso die Absprache der Beiden nun so lange gedauert hat? Da muss ich spekulieren. Einerseits war gerade ein Tor gefallen, was ja in der Regel für einen ordentlichen Anstieg des Geräuschpegels sorgt. Da werden Unterredungen nicht gerade leichter gemacht. Andererseits waren sie mit Sicherheit bestrebt, die korrekte Entscheidung zu treffen, was eben genaue Schilderung und vielleicht auch noch die ein oder andere Nachfrage beinhaltet.

Vielleicht hat der Assistent innerhalb dieser langen Minute aber doch einen kurzen Blick auf den Würfel geworfen. Allerdings hätte ihm das bei der entscheidenden Frage, nämlich von wem der Ball kam, halt einfach nicht geholfen. Und da das Schiedsrichtergespann im Endeffekt zu der richtigen Entscheidung gekommen ist und Schalke trotz zusätzlich verschossenen Elfmeters am Ende siegreich war, kann die ganze Sache wohl getrost als abgehakt betrachtet werden.

Was anderes: Wie cool war bitte Farfáns Freistoßtor samt darauffolgendem “Labert ihr mal!”-Jubel?!

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Steile These (68)

Es gibt viele Techniken, die man versucht hat einzuführen. Ich weiß noch, da hatten wir mal unten in der Sohle ein bisschen Sand. Wenn man schießt, geht der Sand nach vorne, wodurch der Schuss noch mal schärfer werden sollte.” — Tranquillo Barnetta ist von Neuentwicklungen bei Fußballschuhen nicht so sehr überzeugt

Natürlich ist vor dem Duell der Eintracht mit Schalke 04 gerade Barnetta ein gefragter Mann, steht er doch eigentlich bei den Gelsenkirchenern unter Vertrag und spielt derzeit lediglich auf Leihbasis in Frankfurt. Die FAZ hat ihn also prompt mal zum Gespräch gebeten. Dabei kommt ans Licht, aus welchen Gründen es auf Schalke nicht so recht klappen wollte, wer ihm dringend zu einem Wechsel geraten hat, und warum Fußballschuhe nicht beim Toreschießen helfen. Letzteres wird seinem Ausrüster sicher sehr gefallen: Proud to have Sand in den Schuhen.

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Neues aus Entenhausen

Tja, geahnt hatte ich das ja bereits, als ich hier meine zwei Wörter vor dem Spiel zum besten gab. Naja, nicht ganz. Um die Ohren geflogen ist mir meine Aussage nicht. Man hat Bremen zwar nicht die in letzter Zeit obligatorische Abreibung verpasst, aber selbst ist man halt auch nicht untergegangen. Ein Remis in Bremen, da kann ich ehrlich gesagt, aktuell mit leben. Der Vorsprung auf Platz 4 ist, ob man es glaubt oder nicht, sogar noch angewachsen. Sieben Punkte bei noch fünf ausstehenden Spielen, da kann man mit arbeiten. Okay, Platz 2 ist wieder ein Stück in die Ferne gerückt, aber dahingehend könnte auch noch einiges passieren.

Durch die Rückkehr von Boateng in die Startelf und Papadopoulos in den Kader kam Schalke übrigens nicht mehr ganz so jugendlich daher wie zuletzt. Das war auch gut so. So oft und ausgiebig, wie Jens Keller und die Mannschaft dafür gelobt wurden, kam bei dem Trainer eines süddeutschen Vereins ein wenig der Geltungsdrang durch. Prompt stellte er “die Wiedergänger von Tick, Trick & Track” (Steffen Simon) in die Startelf, um selbst Lorbeeren für erfolgreichen Jugendstil einzuheimsen.  Ging aber gründlich daneben. So stehen die Chancen eher schlecht, dass sich dieses Experiment am kommenden Wochenende wiederholt. Könnte ja unter Umständen wichtig sein.

Irgendwie habe ich das Gefühl, man kann den nächsten Wochen gelassen entgegensehen, bei all dem, was Schalke in dieser Saison schon überstanden hat.

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Steile These (67)

Ganz Schalke ist momentan sehr entspannt” – betitelt Jörg Strohschein seinen Vorbericht auf wa.de zum Schalker Spiel in Bremen

Na, dann lehnen wir uns am besten alle zurück, und sehen zu, wie Werder Bremen die beinahe schon obligatorische Klatsche verabreicht wird. (Während ich diesen Satz schreibe, kann ich beinahe schon sehen, wie er mir um die Ohren fliegt…)

 

 

 

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Die zweite Meisterschaft

Spätestens, seit man den Bayern den Meistertitel auch rechnerisch nicht mehr nehmen kann, wird von Medien und teilweise auch Spielern von einer “Meisterschaft hinter den Bayern” geredet. Was da hinter steckt, ist klar. Einerseits haben die Bayern der Konkurrenz über die komplette Saison überhaupt keine Chance gelassen und waren schon relativ früh einteilt. Da muss man den Rest der Liga irgendwie interessant reden/schreiben. Zum Glück haben wir ja noch den Abstiegskampf, der in diesem Jahr recht spannend ist. Andererseits wollen die Spieler ihre eigenen Leistungen in der Öffentlichkeit natürlich auch nicht schlechter aussehen lassen, als sie sind, also “erfindet” man flott einen neuen Wettbewerb: Die Meisterschaft hinter den Bayern. Schön und gut. Allerdings stellte sich mir die Frage, wie gut die aktuellen Teams hinter den Bayern im Vergleich zu den letzten Jahren sind, sprich: Wo hätte man in in den vergangen fünf Jahren mit 55 Punkten (BVB, aktuell 2. Platz) am 28. Spieltag gestanden?

Die Antwort ist wenig spektakulär: Für die Tabellenführung hätte es nie gereicht. In drei von fünf Jahren wäre man mit 55 Punkten am 28. Spieltag sogar nur auf dem dritten Platz zwischengelandet. Schaut man sich die Grafik unten an, sind 55 Punkte wohl ziemlich normal für eine Mannschaft auf den Verfolgerplätzen zu diesem Zeitpunkt.

Bemerkenswert ist allerdings der Abstand des Spitzenreiters. Dieser ist, mit Ausnahme 2011/12 in jedem Jahr seit der überraschenden Meisterschaft der Wolfsburger angewachsen. Bei der 2011-Meisterschaft des BVB deutlich, im letzten Jahr noch deutlicher, in diesem bekanntermaßen dramatisch. Ebenfalls interessant ist die Anzahl an Mannschaften, die sich im betrachteten Zeitraum unter den Top 6 getummelt haben: Ganze 15 Vereine stritten sich um die vorderen Plätze.

Wenn nun also auch Vereine, die sich zwischenzeitlich in die Zweitklassigkeit verabschiedet hatten, plötzlich oben mitspielen können, spricht das noch für eine starke Liga? Oder treten alle Mannschaften außer der einen, die Jahr für Jahr hohe zweistellige Millionenbeträge für Ablösesummen und Verpflichtungen auf den Tisch legt, mal mehr, mal weniger auf der Stelle? Eigentlich nicht, oder? Irgendwie fühlt es sich für mich tendenziell natürlich an, wenn in einer Liga gewisse Platzierungen grob an Richtwerte “gekoppelt” werden können. Wer über 60 Punkte holt darf im nächsten Jahr durch Europa reisen, mit 38 Punkten muss man schon mächtig Pech haben, um noch abzusteigen, und für die Meisterschaft sollte man schon so irgendwo bei Mitte 70 landen. Gegen Ausreißer ist natürlich nichts einzuwenden. Die Liga darf diese riesigen Abstände an der Spitze nur nicht zur Regel oder noch größer werden lassen. Fragt sich nur, wie man das machen soll. 

Punktausbeute der "Top15" von 2009-20014 (rückwärts, Stand 28. Spieltag)

Punktausbeute der “Top15″ von 2009-20014 (rückwärts, Stand 28. Spieltag, für große Ansicht anklicken!)

Die Grafik ist eher ein Abfallprodukt meiner Nachforschungen, vorenthalten wollte ich sie Euch aber nicht.

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Hausnummern, Füchse & Försterinnen

Ein verpasstes Spiel kommt bei mir ja wirklich nur in Ausnahmefällen vor. Wenn, dann hat es aber in der Regel mit meinem Kegelklub zu tun. Kegeltour, Junggesellenabschiede, oder halt bei Freitagsspielen der Kegelabend an sich. Letzteres war dieses Mal der Fall. Von der Verteilung her sind wir im Klub relativ bunt gemischt: Zwei Bayern, ein Bochumer, ein Real-Fan, ein Borusse, vier Dortmunder & zwei Unparteiische. Wir fünf Schalker sind in der Überzahl.

Unsere Kegelbahn liegt in einem Bunker. Also gefühlt. Sobald ich mich einen halben Meter weit ins Gebäude bewegt habe, sinkt der Handyempfang ins Negative. Erstklassige Voraussetzungen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Da ich dennoch die Hoffnung hatte, ab und an mal einen kleinen Balken Empfang zu erhaschen, bat ich meinen Bruder, mich doch bitte per SMS über alles Wichtige zu informieren. Den gleichen Plan verfolgte auch unser Präsident, der nun also ständig sein Handy am langen Arm von sich streckte, um irgendwo ein bisschen Netz zu finden. Meine Strategie war eine andere: Alle paar Minuten stürmte ich vor die Tür, um sicher zu gehen, keine Nachricht zu verpassen. Ging nicht so ganz auf. Ein Protokoll:

19:35 Uhr: Gerade parke ich bei D. vor dem Haus, um ihn einzusammeln, da vibriert mein Handy.

Tim: Ayhan spielt doch. Glück auf!

Ich: Sehr gut.

20:51 Uhr: Hohe Hausnummern werden zusammengebastelt. Ich bekleckere mich nicht mit Ruhm.

T: Ayhan setzt direkten Freistoß an den Innenpfosten. Knapper geht’s nicht.

20:55 Uhr: Immer noch hohe Hausnummern. Vielen ergeht es wie mir.

T: Fehler Ayhan, Ramos alleine auf Fährmann, aber hebt weit drüber. Puh.

 21:02 Uhr: Niedrige Hausnummern werden zusammengebastelt. Ich bekleckere mich nicht mit Ruhm.

T: Obasi. Hammer Ding!

T: 1:0

21:35 Uhr: Ich vernasche eine leckere Försterin*.

T: Kommt an?

Ich: Ja, immer sehr verzögert. Aber kommt an.

T: 2:0 Hunter. Nach 29 Sekunden.

21:43 Uhr: Wir spielen das 100er-Spiel bis 200 nach neuen Regeln bis 100. Normal ist das nicht. Dafür muss dringend ein schmissiger Name her.

T: Halbzeit. Könnte mehr drin sein.

21:46 Uhr: Mein Team schafft einen Kantersieg im 100er-Spiel bis 200 nach neuen Regeln bis 100. Geht doch!

T: Vorarbeit von Obasi. Bester Mann neben Goretzka.

21:47 Uhr: Es entbrennt eine kurze Diskussion über tote Füchse, die für unsere Verhältnisse rasch beendet werden kann.

T: Alles unter Kontrolle. Dürfte normal nichts mehr schiefgehen. Hertha auch recht harmlos.

22:07 Uhr: Nun muss ich als Fuchs agieren. Mein Bier nehme ich mit auf die Bahn. Nach drei Würfen ist der Fuchs erschossen. Das Bier hätte ich auch am Tisch lassen können.

Ich: Wie lange noch?

22:14 Uhr:

T: Hertha hat ein Tor aberkannt bekommen. Warum, weiß nur der Schiri. 

Ich: :-D :-D

22:20 Uhr: Vor der Tür versuche ich, durch die Luft schwirrende SMS abzugreifen.

T:  Ende 2:0

Ich: Gracias!

22:28 Uhr: Bei der Schalke-Fraktion des Klubs ist ob des Ergebnisses etwas Ruhe eingekehrt. Bier! Schnaps!

T: 10 Minuten regulär.

T: Annan für Obasi. Reguläres Tor von Hertha nach Ecke nicht gegeben, wegen angeblichem Foul.

Gegen Mitternacht: Mit einer ordentlichen Leistung im Jahresspiel beende ich den Tag.

Für einen Nachkegelsammstag war ich dann schon relativ früh wach. Beim Kaffee hab’ ich mich dann mal schlau gemacht, ob Sky das Spiel zeitnah in voller Länge wiederholt: Viertel vor 11, Bingo! Allerdings musste ich dann feststellen, wie langweilig ein Spiel ist, von dem man das Ergebnis schon kennt. Da kann ich in Zukunft gut drauf verzichten…

*Jägerschnitzel

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Steile These (66)

“Wir sind eine durchschnittliche Mannschaft und mit unserer Platzierung mehr als zufrieden.” –  zitiert die WAZ Jos Luhukay 

Wie ein kurzer Blick auf die Tabelle zeigt, steht Hertha BSC Berlin genau da, wo man ein durchschnittliches Team vermuten sollte. Auf Platz 9. Der 10. Platz, auf dem sich derzeit Hoffenheim befindet, wäre wohl auch noch okay. Kurz dahinter beginnt allerdings schon der Abstiegskampf. Vielleicht schon bei Frankfurt (Platz 11), ganz sicher aber bei Hannover(12.) und Bremen (13.). Auf diese Teams hat Berlin allerdings schon 7 Punkte Vorsprung, auf den Relegationsplatz sind es sogar ganze 12 Punkte. Berlin braucht also überhaupt keine Punkte aus Gelsenkirchen mitzunehmen, um dem eigenen Anspruch zu entsprechen. Da reichen noch drei oder vier Punkte, die man auch locker mal daheim einfahren kann.

Fast vergessen: Linktipp kam vom @eppinghovener.

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Das letzte Heimspiel

Als meine Kumpels und ich noch jung waren, fuhren wir öfter mal ohne Eintrittskarten in Richtung Parkstadion und damit waren wir sicherlich nicht die einzigen. In der Regel war es kein Problem, sich vor Ort am Schalter noch mit dem nötigen Papier zu versorgen. Derjenige, der einen gültigen Schülerausweis sein Eigen nennen durfte, schob sich durch die Warteschlangenimzaumhalter und besorgte für alle die begehrte Ware zum vergünstigten Preis. Das funktionierte eigentlich immer.

Doch zuvor standen noch immer die 50 Kilometer von Schwelm nach Gelsenkirchen auf dem Plan. Da noch keiner von uns volljährig war, und selbst fahren sowieso für niemanden in Frage gekommen wäre, blieb nur der ÖPNV. Zu dieser Zeit war die Kombination aus Bus und Linie 302 unsere erste Wahl, was bedeutete, die Kumpels luden am Supermarkt in Bahnhofsnähe genügend Dosenbier ein, stiegen in den Bus nach Bochum und mein Bruder und ich folgten eine Station später, quasi unmittelbar vor unserer Haustür. Eigentlich idiotensicher, sollte man meinen, aber geklappt hat es dennoch nicht immer. Es passierte auch mal, dass man eine Stunde bis zum nächsten Bus mit Tankstellenbier überbrücken musste, da im verabredeten Gefährt niemand aufzufinden war. Wieder nach Hause gehen kam offenbar nicht in Frage. Warum auch immer. Vermutlich war es auf dem Dorf einfach so schön provokant, biertrinkend an der Straße zu sitzen. Unwichtig.

Meist sind hier so gegen 11 Uhr vormittags losgefahren. Eine knappe Stunde Bus, bisschen weniger 302, Wartezeit zwischendurch, so war man locker zwei Stunden vor Anpfiff am Parkstadion. Das reicht, um Karten zu besorgen und sich einzustimmen. Einmal – da kann ich mich noch recht gut dran erinnern, sind wir aber ganz früh losgefahren. Die Truppe war etwas größer als sonst, alle waren etwas aufgekratzter, es war mehr Bier im Gepäck, es ging mitten in der Nacht, also so gegen 9 Uhr, los.

Die Fahrt per Linienbus und Straßenbahn hat ja einen ganz großen offenkundigen Nachteil. In beiden Gefährten sind sanitäre Einrichtungen grundsätzlich erst mal nicht vorgesehen. Das ist auch einer der Gründe, der uns in späteren Jahren veranlasste, umständlichere, unschönere, aber toilettentechnisch komfortablere Strecken einzuschlagen. Mit Zwischenstopps in Hagen, Dortmund, Düsseldorf und/oder Essen kann man nämlich sehr gut leben, wenn sie die Möglichkeit bieten, sich einerseits zu erleichtern und andererseits am Bahnhofskiosk die Bestände wieder aufzufüllen.

Das muss man natürlich alles erst einmal wissen. Damals saßen wir auf jeden Fall nicht selten mit prall gefüllten Blasen in der 302. Der gemeine Biertrinker wird es kennen. Erst kann man sich drei oder vier Fläschchen gönnen, ohne mit der Wimper zu zucken, später reicht jeder kleine Schluck aus der Pulle, um einem das Gefühl totaler innerlicher Bedrängnis zu geben. Beim Umsteigen von Bus auf Straßenbahn ist man noch locker und beschwingt, kaum fährt die Bahn drei Meter, fängt man an, Auswege zu suchen. Immer mal wieder stürzten Mitfahrer wahllos an der nächsten Haltestelle aus dem Waggon. Mal auf nassem Laub rutschend, immer in der einen Hand ihr Bier haltend, mit der anderen am Reißverschluss fummelnd, nervös einen Baum, ein Gebüsch oder wenigstens eine Mauer suchend. Je nach Fanaufkommen in der Bahn musste man sich einen solchen Schritt allerdings gründlich überlegen. Einen Sitzplatz gibt man schließlich nicht leichtfertig her, wenn die Aussicht zwar Erleichterung heißt, aber auch, in die nächsten sieben Bahnen aufgrund von Überfüllung gar nicht mehr hineinzukommen. Schwierig, das alles.

Zurück zur frühen Abfahrt. 9 Uhr also. Natürlich ist es komplett beknackt, so früh zum Stadion zu fahren. Man ist Stunden vor Anpfiff, ja sogar Stunden vor Öffnung der Stadiontore vor Ort. Ich weiß auch gar nicht mehr, was genau uns da geritten hat, aber es war halt einfach so. Vielleicht brauchten wir auch noch Karten und hatten, anders als sonst, größere Bedenken, keine mehr zu bekommen.

Auf jeden Fall machten wir uns auf der oben beschriebenen Route über Bochum auf den Weg. Im Großen und Ganzen lief auch alles problemlos, was natürlich in erster Linie auf das Bier zutraf. Das war natürlich auch nicht weiter schlimm, denn schließlich sollte an diesem Tag die gute Laune im Vordergrund stehen. Blöderweise hat man immer auch einen in er Truppe dabei, der sich nicht so ganz im Griff hat. In diesem speziellen Fall war der eine leider ich. Aus irgendwelchen ominösen Gründen bekamen mir die Massen an Bier zu dieser frühen Stunde bedauernswerterweise überhaupt nicht, sodass ich gegen halb 12 am Stadion angekommen, einen Bauzaun auf übelste Weise besudeln musste. Ja, das war für uns beide nicht angenehm, für meine Kumpels jedoch ein Mordsspaß. War ja klar. Wer Kotze am Schuh hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Der „Schlachtruf“ war für diesen Tag damit auch geklärt:„Philip hat gekotzt, Philip hat gekotzt, Philip, Philip, Philip hat gekotzt!“ skandierten die Jungs immer wieder voller Freude. Das muss man dann über sich ergehen lassen. Mit so einen Quatsch verhält es sich ja ähnlich, wie mit unliebsamen Spitznamen: Je heftiger man sich gegen sie wehrt, desto mehr verfestigen sie sich und bleiben im schlechtesten Fall für immer kleben.

Als die Stadiontore sich dann öffneten, tingelte unsere Gruppe dann auch recht zielstrebig in Richtung Norden. Noch schnell ein Bierchen eingesammelt und ab in die Kurve. Im Gegensatz zum restlichen Stadion war die Nordkurve schon relativ früh sehr gut besetzt. Oppa Pritschikowski, die üblichen Gesänge und Fanfolklore, mal hier, mal dort. Man kennt das. Manche Besucher hatten schon jetzt einen so langen Tag hinter sich, dass sie die Zeit bis zum Anpfiff nutzten, sich noch ein wenig sitzend auf den Stufen der Kurve auszuruhen. Meine Wenigkeit gehörte zu dieser Gruppe. Still ein wenig da sitzen, am Bier nippen und zwischen den ganzen stehenden Menschen versuchen, ein paar Sonnenstrahlen abzugreifen, war jetzt genau das Richtige. Bis ich es plötzlich wieder neben mir hörte:„Philip hat gekotzt, Philip hat gekotzt, Philip, Philip, Philip hat gekotzt!“ Immer wieder. Erst einer, dann zehn, dann fünfzig Leute. Dann noch mehr. Zahlenmäßig lässt sich sowas ja immer schwer einschätzen, aber die Worte waren nun doch recht deutlich in der Kurve zu vernehmen. Heiliger Bimbam! Was jetzt? Lange kann ich nicht drüber nachgedacht haben, denn im nächsten Moment fand’ ich mich, das Gegröle befeuernd, auf einem Wellenbrecher stehend, wieder. Das war vielleicht ein bisschen albern und ganz sicher ziemlich bescheuert, aber ich muss bis heute grinsen, wenn ich an diesen Moment denke. Das war irgendwie ein guter Moment an diesem Tag.

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Später saßen ein paar von unserer Gruppe – da es zwischendurch drunter und drüber ging, waren wir etwas dezimiert – noch sehr lange zusammen an einer kleinen Brücke auf dem Weg vom Stadion zur Straßenbahnhaltestelle und tranken Bier in der Abendsonne. Durch einen milchigen Schleier sah ich immer wieder Schalker an mir vorbeiziehen, die sich Erinnerungsstücke ergattert hatten: Ein bisschen Rasen, etwas vom Tornetz, demontierte Sitzbänke. Traurige Erinnerungsstücke. Es war der Abend des 19. Mai 2001.

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Kaffee, Kaffee, Kaffee. Und warten, warten, warten.

Nach der Niederlage von Leverkusen am Wochenende hatte ich ja wirklich für einen Moment gedacht, ich könnte den Derbytag entspannt begehen. Allerdings ließen die Zweifel nicht lange auf sich warten. Und sie sollten sich bewahrheiten. Natürlich. Schon morgens kaum Appetit, Kopfschmerzen, nervöses Gewippe,  Kaffee, Kaffee, Kaffee. Und warten, warten, warten. Bis zum Anpfiff.

Der Verlauf des Spiels hat dann, das kann man wohl so sagen, auch wirklich nicht zur Verbesserung der Gesamtsituation beigetragen. Klar, der Anfang war streckenweise sehenswert, man hat die Dortmunder teilweise sogar vor echte Probleme gestellt, aber damit war es auch recht schnell wieder vorbei. Junge, Junge. Was dann kam, war gefühlt nur noch Rausgebolze. Und Ralf Fährmann. Nicht zu fassen, was der gerade zeigt. Im Grunde bestand das Spiel für mich also aus 90-minütigem Zittern und der klitzekleinen Hoffnung auf einen geglückten Konter oder Sonntagsschuss.

Puh, sowas geht schon an die Substanz. Wie sehr, das merkt man natürlich erst ‘ne Weile nach Abpfiff. Völlig durch den Wind schwirren die Gedanken durch den Kopf. Naja, eigentlich nur einer: Das 0:0 ist ein (kleiner) Erfolg.

Dank Ralf Fährmann muss der 04. Geburtstag hier nicht mit einer Derbyniederlage begangen werden. Danke dafür, Ralf!

Bei all den Leuten, die sich in den letzten Jahren hier her verirrt haben, die gelesen und kommentiert haben und denen, die meine Texte geteilt und verlinkt haben, möchte ich mich natürlich ebenso bedanken. Ihr seid großartig!

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Steile These (65)

Wenn es in Deutschland überhaupt noch Hoffnung gibt auf Linderung der bajuwarischen Tyrannei – an Befreiung wagt niemand zu denken –, dann kommt sie aus dem Westen.” – schreibt Philipp Selldorf in einem Kommentar auf sueddeutsche.de und meint damit Schalke und den BVB

Inwiefern da wirklich Linderung in Sicht ist, wird sich zeigen müssen. Ich persönlich rechne ja vorerst nicht damit. In Anbetracht der Übermacht aus dem Süden würde es mir schon reichen, wenn uns nach dem Derby Horst Heldts vorsaisonale Einschätzungen über Augenhöhen nicht um die Ohren gehauen würden. Wobei, Zurückhaltung ist eigentlich fehl am Platz: Auf geht’s, Dortmund wegballern und ab an die Spitze*!

*Platz 2

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